Die gegenwärtige Geringschätzung der Malerei, insbesondere der
gegenständlichen im Kunstbetrieb und unter den Künstlern selbst
ist eigentlich erstaunlich gegenüber der Wertschätzung und dem
grossen Publikumsinteresse, die der Malerei in Ausstellungen
verstorbener Malergrössen und in Zusammenstellungen von Kunst
werken vergangener Epochen erfährt.
Die Bilderfeindlichkeit ist nicht an allen Plätzen zu finden. Der
Erfolg bestimmter Malschulen in der BRD etwa steht einer mehr oder
minder völligen Ingnoranz gegenüber gemaltem, insbesondere
Gegenständlichen in Wien gegenüber. Hier werden bestimmte
Formen des abstrakten und des aktionistischen gestischen und
Expressiven gerade noch toleriert.
Der Gegenstand, besser die malerische Verarbeitung des Gegen
standes erscheint verpönt.
Wir leben jedoch keinesfalls in einer Zeit, die etwa das Gegenständliche
verbannt hätte.
Im Gegenteil, über die Trägermedien Fotografie, Film, Video und Fern
sehen werden mehr denn je gegenständliche Darstellungen vermittelt.
Nur, im Kunstbereich wird die gegenständliche Form von einigen als
hoffnungslos veraltet angesehen und dementsprechend schlecht ist ihr
Ruf im Galeriewesen und damit auf dem für den Künstler so wichtigen
Markt.
Diese eigenartige Ausgrenzung, und eine Attitüde der Avantgarde war
immer, ähnlich wie in totalitären gesellschaftlichen Systemen die Ausgrenzung, wird hingenommen und nur insgeheim beklagt. Das Publikum,
das Gegenständliches sehen will, und es auch in Ausstellungen verstorbener Künstler sieht, wird als mehr oder minder unkundig, als
banal und nicht dem state of the art abqualifiziert.
Die gegenständliche Darstellung deswegen jedoch für alle Zeiten aus
dem künstlerischen, malerischen Repertoire verbannen zu wollen, halte
ich für völlig unsinnig und ungerechtfertigt.
Es gilt neu zu überdenken, welche Qualitäten der Wahrnehmung durch
die Geringschätzung der gegenständlichen Form verloren gehen,
beziehungsweise nicht zum Tragen kommen.
Ebenso bemerkenswert ist , daß die Diskussion des Schönen, die über
Jahrhunderte die Entwicklung der Kunst bestimmt, aus derselben
weitgehend eliminiert wurde. Jedoch ist auch das sogenannte Schöne
damit nicht aus unserer Kultur verschwunden. Die damit verbundenen
Vorstellungen weiblicher Schönheit, und die war allemal zentrales
Thema der bildenden Kunst, haben sich in die Mode, in den Lifestyle, in
die Kosmetikindustrie, ins Erotikgeschäft verlagert. Die ungeheuer
angewachsene Strahlkraft der Modells zeugt über lange Zeit davon.
Ebenso wird das Naturschöne in der Kunst nur mehr rudimentär
behandelt. Das Naturschöne ist heute zu einem zentralen Thema
der Touristikindustrie geworden.
Mit dem verschwindenden Gegenstand verflüchtigen sich die
Inhalte. Als gewichtiges Argument wider die gegenständliche
Malerei wurde vorgebracht, das dies oder jenes Bild zu literarisch
wäre. Damit wurde ausgedrückt, daß es zuviel erzählerischen Inhalt
besitzt.
Der erzählerische Inhalt ist neben der Formbeherrschung und der
Wahl der stilistischen Mitteln eine wesentliche Qualität der gegen
ständlichen Malerei.
Das Bild erzählt mir etwas über einen Gegenstand, eine Person,
eine Landschaft, stellt Gegenstände zu einander in Beziehung.
Diese Beziehung muss keinesfalls realistisch sein, sie kann surreal
ausgerichtet sein, sie kann auf Stimmung abzielen, sie kann das
umfangreiche Repertoire des Gegenständlichen in verschiedene
Richtungen ausschöpfen.
Das malerische Portrait sagt über die oder den Portraitierte(n) etwas
aus. Es ist imstande, Charakterzüge, Gemütsbewegungen, der
Person eigentümliches zu vermitteln, es beinhaltet ebenso die
Interpretation des ausführenden Künstlers, seine Sehweise, seinen
Blickwinkel, seine Anschauung der Person oder des festgehaltenen
Gegenstands.
Die Malerei ist hier der Momentaufnahme weit überlegen, verfügt
sie doch über eine grössere kalkulierbare Gestaltungsbandbreite
und sie lässt den Gegenstand anschaulich werden. Sie führt hin zur
Anschauung, zur Betrachtung. Sie lässt uns in der Flut der elektrischen,
fotografischen und gedruckten Bildchen inne- und stillhalten.
Wer wieder zu sehen gelernt hat, wird auch in unserer hastigen
Alltagswelt die vielen kleinen menschlichen Gesten und Ausdrucksformen wieder entdecken.