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Salzbürger Aushang


In den Kulturnachrichten der ZIB 2 des ORF vom 15.2.2000 wurde über einen kleinen, aber denkwürdigen Vorfall im angespannten österreichischen Kulturleben berichtet.
Gerard Mortier, Intendant der Salzburger Festpiele, hat in einem der Schaukästen eingangs des Salzburger Festspielhauses einen Artikel von Marlene Streeruwitz, der am 8.2.2000 in der Süddeutschen Zeitung erschienen ist, plaziert.
Daraus wurde nun ein kulturpolitisches Lehrstück der Sonderklasse. Frau Helga Rabl Stadler, Modehändlerin und Kurzzeitabgeordnete im österreichischen Nationalrat, mit Sitz im Aufsichtsrat der Salzburger Festspiele, besteht nun darauf, dass dieser Artikel umgehend entfernt werden muss.
Sie begründete dies im ZIB 2 Kurz-Interview damit, dass dieser Text von Marlene Streeruwitz parteipolitische Aussagen beinhalte, die dort, also an den Pforten zur hehren Kunst in Salzburg, nicht am Platze wären.
Marlene Streeruwitz kommt zwar aus einer hochkarätig politischen Familie, einer der Streeruwitze, deren Namen sie trägt, war gar einmal Kanzler der 1.Republik.

Bei Lektüre des Artikels ist mir jedoch nicht aufgefallen, dass er eine parteipolitische Meinung enthielte. Marlene Streeruwitz trifft jedoch deutliche Aussagen, bezogen auf die jüngsten politischen Verhältnisse, insbesondere auf Jörg Haider.
Jetzt frage ich mich, ob es nun der neue Kurs der neuen volksparteilichen Kulturpolitik ist, jegliche politischen Aussagen aus der Kunst zu vertreiben.
Die absolute Kunst der Postmoderne, politisch und gesellschaftlich völlig keimfrei.
Ich kann zwar verstehen, warum Personen, die ähnlich wie Rabl Stadler gedacht haben mögen, partout Bertolt Brecht nicht bei den Salzburger Festspielen haben wollten. Der ist ja nur politisch, gelld ?
Das aber etwas, dass auch Karl Kraus so geschrieben haben könnte, jetzt nicht mehr in das Segment von Kunst und Kultur passen sollte, das will ich schlicht und einfach nicht begreifen. Selbst der Haider zitiert den Kraus in seinem Buch von der befreiten Zukunft, jenseits von lechz und rings nicht abfällig.
Da sprechen sie von einer neuen Demokratie des mündigen Bürgers, und die Frau Rabl Stadler begreift gar nicht, dass sie die persönliche, und nicht parteipolitische Meinung einer dieser Bürgerinnen denunziert und aus der Öffentlichkeit verschwinden lassen will.
Das lässt Schlimmes befürchten und könnte der Beginn einer langen Kette unendlicher Peinlichkeiten sein.
Merkt denn Rabl Stadler nicht, dass sie mit solchen Aktionen genau die Befürchtungen des europäischen Inlandes bestätigt und merkt sie nicht, dass sie damit das Grundrecht jeder westlichen Demokratie, dass der Rede- und Informationsfreiheit verletzt, einmal abgesehen von der verfassungsrechtlich garantierten Freiheit der Kunst ? Oder sind die gar schon so hysterisch geworden, dass sie kein Vertrauen mehr in den demokratischen Dialog, der auch die Kritik beinhalten darf und soll, haben?.

So läuft also der Hase. Die absolut politikkeimfreie Kunst des schönen Scheins und der glatten Hülle. Schön sprechen, ihr KünstlerInnnen, gelld !
Wird jetzt die Selektion in der KünstlerInnenschaft kommen, nach den Kriterien: Willst Du Dich an der nationalen Imagepolitur (Krügers Forderung nach nationalem Schulterschluss in Zur Sache ORF an diesem Sonntag) beteiligen oder...!

Noch muss man den kritischen Verstand am Salzburger Bühnentürl nicht abgeben, zumindest solange Mortier noch dort ist.
Der will auch den Streeruwitzschen Artikel partout nicht entfernen. War immer schon ein sympathischer Trotzkopf, der Mortier.
Ps.:
Ich werde mir nun wieder die Helsinki Akte KSZE 1975 heraussuchen, in der die Freizügigkeit der Meinung und des staatlich nicht regulierten Informationsflusses aller BürgerInnen der unterzeichnenden Staaten festgeschrieben ist und die entsprechenden Passagen im Electronic Journal publizieren. Zur Erinnerung und zur Sicherheit der BürgerInnen...

Continue: Die Salzburger Aushangrempelei wird fortgesetzt. Auch heute (16.2.2000) war diese Provinzposse der ZIB 2 ORF + 3 Sat eine Meldung wert. Frau Rabl-Stadler liess den Steeruwitz-Text gegen den Willen Mortiers mit einem neutralen Opernplakat überkleben. Mortier kündigt daraufhin eine umfassende Wandzeitungsaktion an.

Nun, mit der Erlaubnis der Autorin, Marlene Streeruwitz im Original.
Ihr Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 8.2.2000

Alles, was falsch ist


Über Jörg Haiders Wortwörtlichkeit

© Marlene Streeruwitz

Ich fuhr heute mit dem Schienenersatzverkehrsbus der U2 in Richtung Vinetastraße. In Berlin. Bei der Haltestelle Mohrenstraße hielt ein Reisebus aus Anhalt neben dem Schienenersatzverkehrsbus. Die Menschen im Reisebus saßen höher. Sahen auf uns im Schienenersatzverkehrsbus herunter. Die denken jetzt, sie sehen Berliner in einem öffentlichen Bus, dachte ich mir. Und in Wirklichkeit sehen sie eine Österreicherin. Eine von der EU zur Österreicherin gezwungene Österreicherin.

Und würde ich nun Asyl gewährt bekommen. In einem Land der EU. In Deutschland zum Beispiel. Wenn man die Botschafter abziehen muss, wie kann man dann mir Österreich zumuten. Oder muss ich durch die Ablehnung Haiders an Haider geklebt in ein Schicksal meines Volkes verstrickt werden. Bisher musste ich noch nie „mein Volk“ sagen. Bisher musste ich nie auf diese versunkenen gefühlsbeladenen Sprachebenen zurückgreifen. Bisher war ich in einer ansteigenden Internationalisierung nicht auf diese schmale Identität eingegrenzt. Aber. Die Wiedereinführung solch nationalistischer Kriterien wird sich gegen den Europagedanken insgesamt richten. Da hätte sich die Wertegemeinschaft Europa ein tauglicheres Instrument ausdenken müssen. Wie bei allen Boykotts wird denen am meisten geschadet, die unterstützt werden sollen, und es ist von schönem politischen Widersinn, Ausgrenzer wie Haider durch Ausgrenzung zu stärken. Zumindest in der von ihnen benutzten Paranoia eines Verfolgtseins.

Extra verdreht wird die Sache, wenn der Staat ächtet und die Medien den Geächteten als Quotenbringer vorführen. Und das im Format der Talkshow, die zur Täterselbstdarstellung erfunden wurde. Haider kann ja gar nichts falsch machen. Was soll Haider noch falsch machen, wenn schon alles falsch ist. Die eine Chance. Diese eine Möglichkeit, die offenkundig dann wirklich jeder erhält. Die hat er in der Pressekonferenz zur Vorstellung des Koalitionspakts mit der ÖVP vergeben. Vor den Kameras der Weltöffentlichkeit hat er sich als der brutale Medientäter dargestellt, den man ihm bisher nicht glauben wollte. In der von Haider und Schüssel inszenierten aristotelischen Dramaturgie ihrer Eigenermächtigung gab es ein retardierendes Element. In der Pressekonferenz stand ein Mann auf und sagte „Ich bin Holocaustüberlebender. Ist der Holocaust weiterhin ein Randthema für Sie, Herr Haider?“ Die Frage wurde emotional vorgetragen. Ich saß vor dem Fernsehapparat und fürchtete. Einen Augenblick fürchtete ich, Haider könnte richtig reagieren. Haider. Das politische Genie. Haider. Das Medientier. Der Medientäter. Er könnte mit der richtigen Geste und dem richtigen Satz im Falschen endgültig alles falsch machen und zu seinen Gunsten wenden. Er könnte zu dem Staatsmann werden, der er längst glaubt zu sein. Aber. Das war nur meine immer noch treuherzige Phantasie von der virtus des Politikers. Und weil doch alle immer gesagt hatten, dass man den Haider einmal „machen“ lassen soll. Dann würde er schon normal werden.

Aber nein. Haider will der Rottenführer bleiben. Der Anführer einer verschworenen Gemeinde. Er führt seine Partei als Mischung aus völkisch aufgeladener Hippiekolonie und Fehmegeheimgesellschaft, Und es kümmert ihn den Teufel, was man von ihm hält. Außerhalb der Rotte. Die außerhalb. Die stehen alle vor seinem Fehmegericht. Und dass die jetzt von den anderen mitgeächtet dastehen, muss den Triumph durch die Demütigung des Rests von Österreich noch genießenswerter machen. Für Haider und seine Mannen, die manchmal auch Frauen sind.

Und. Das Gefühl, Haider immer sichere Beute gewesen zu sein, ist unerträglich. Aber für den Täter ist es eine besondere Befriedigung, die Tat vor aller Augen begehen zu können. Sich dieser altmodischen, gefühlgetränkten Sprache zu bedienen. Metaphern auszuwerfen, in deren Zustimmung den Zustimmern die Aufnahme in den Verein der einen verheißt. Der Richtigen, die den Schutz vor den anderen, den Falschen zusichert. Und deshalb wurde der Mann, der den Holocaust überlebte und Haider nach seinem Umgang mit der Vergangenheit befragte, deshalb wurde dieser Mann von Haider einmal mehr zum Opfer gemacht. Musste zum Opfer gemacht werden. Seine Rotte steht am Rand und sieht zu. Erwartet vom Rottenführer Mannhaftes. Mit der Arroganz des Täters, der sich vor Ahndung sicher wissen kann, verwies er auf seine Erklärung vom 17. November. Da könne man nachlesen, wie er zum Holocaust stünde, sagte er. Keine richtige Geste. Kein richtiger Satz. Falsches, der Bedeutung des Falschen zum Durchbruch zu verhelfen.

Und das gelang ja nun. Mit dieser Regierungsbeteiligung. Und dabei tut er gar nichts. Wie in der Haiderschen Märtyrerlegende immer wieder betont wird. Er tut ja gar nichts. Er sagt ja gar nichts. Bei der Pressekonferenz am Dienstag tatsächlich so, und Haider setzt gerade damit die Tat. Und im Sagen? Haider spricht mit vollem Mund. Die Metaphern, mit denen er um sich wirft, sind nicht entleerte Redefiguren. Seine Metaphern sind mit Wörtlichkeit aufgefüllt. Und jeder, der so denken und tun will wie er, nimmt diese Metaphern wörtlich. Nimmt sie als Ankündigung anstelle der Tat, die dann, wenn die Zeit gekommen ist, in die Tat umgesetzt werden wird. Die Tat bleibt so jederzeit als tatsächliche Möglichkeit in der Sprache eingeschlossen. Unverhüllt und wörtlich und jederzeit zum Ausbruch bereit.

Im Strafrecht wird sich das bald niederschlagen. Der Satz „der gehört kastriert“ wird nicht mehr als Ausruf einer Entlastung Sprechmaterial sein. Die Kastration wird wortwörtlich zur Erscheinung gebracht werden. So ist es schon geplant und damit eine Somatisierung des Strafrechts eingeleitet, die geradewegs zu körperlichen Strafen führt. Und letzten Endes die Todesstrafe bedeutet. Darin gleicht Haider seinen bewunderten Kollegen aus der republikanischen Partei in den USA. Strafe ist Rache. Oft ist in Österreich der Satz zu hören gewesen, beleidigt ist er vorgetragen worden. „Bei uns sind keine Asylantenheime angezündet worden. Immerhin.“ Bei uns muss niemand irgendetwas abfackeln. Das macht Haider sprachlich. Das wird rhetorisch erledigt. Vorerst einmal. „Ausländer raus!“ auf Plakaten formuliert das fürs erste. Und das haiderische Österreich erwartet sich die Erledigung eines solchen Programms in aller Ordnung. Nicht ein paar Skins und so grausliche Aktionen. Nein. Das soll staatlich geregelt werden. Ordentlich eben. Gewalt wird an den Erlediger delegiert, der sie dann sauber staatlich exekutiert. Eine von Amnesty International ohnehin schon immer gerügte Prügelpolizei muss in Zukunft ihren Auftrag nur noch wörtlicher nehmen.

Und wen werden die Medien befragen? Wie immer, nicht die Betroffenen. So wie Haider zu den Demonstrationen befragt wird und nie die Demonstranten. Eines aber wüsste ich gerne. Wie Haider es ertragen hat, diese paar Tage der erzwungenen Regierungsbildung von W. Schüssel abhängig gewesen zu sein. Sich sagen lassen müssen, Schüssel werde auf ihn aufpassen. Sich für ihn verbürgen. Ihn zähmen. Schüssel kann das gar nicht. Aber diese Tage bis zur Ernennung der Regierung musste Haider Schüssel das sagen lassen. Und in der Tradition des österreichischen Klerikofaschismus wurde der verbissen ehrgeizige Schüssel predigtpathetisch. „So lange ich politisch atme, wird nichts passieren.“ Sagt Schüssel. Und glaubt es sich.

Was macht der jüngere, stärkere Mann mit seinem schwachen, älteren und besserwisserischen Bruder. Die Geschichten aus der Bibel kennen wir. Die Neuauflage in Österreich werden wir vorgeführt bekommen. Wir werden zusehen müssen, wie der politische Atem ausgehen wird und die Eindeutigkeit übernimmt. In sich ist das nicht widersinnig. Haiders demetaphorisierende Wörtlichkeit baut auf katholischem Fundamentalismus und seinen Sprachregelungen auf. Schüssel muss Haider nicht missionieren, wie er das immer verspricht. Haider hat das Katholische viel besser verstanden als der kleine Ministrant, der unbedingt Bundeskanzler werden musste.

Marlene Streeruwitz lebt in Wien. Zuletzt erschien ihr Roman „Nachwelt“.


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