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LITERATUR ALS REGELSYSTEM



Stichworte:

Literatur kann als soft - science verstanden werden.
Schroedinger sagt gegen die Wissenschaft: Die Beseitigung des Subjekts aus dem angenommenen objektiven Weltbild ist der Preis, den wir fuer das Weltbild zahlen muessen. Vergleich mit Schroedingers Katze; Materialitaet und Inmaterialitaet. Wenn man den Autor aus dem Werk ausklammert, verliert man das Bild der Literatur, indem man das Subjekt zu objektivieren versucht.

Literatur:

In dem Masse wie Autoren eine subjektive Sicht der Dinge schreiben - nicht ausgenommen die Autobiographie - stellen sie Gegenwart und Vergangenheit einer Welt her. In ihr fordert der Autor als Person, Betrachter oder Protagonist die Akzeptanz des Subjekts. Ueber dieses und die sprachliche Aeusserung wird die Kenntnis und Erkenntnis einer Welt dargestellt und behauptet. Dabei spielen vorhandene literarische Formen und Aeusserungen als Moeglichkeit der Erkenntnisvermittlung eine bedeutsame Rolle. Als Beispiel Arno Schmidt, der die Welt als Bibliothek betrachtet und seine Erfahrungen und Verwertungen vornehmlich dort sucht und findet, um eine neue Welteinsicht herzustellen.

Hegel:

Nur solche Saetze sind wahr, die das, was sie aussagen, nicht veraendern, die also objektiv und nicht subjektiv determiniert sind. Schreiben ist subjektiv determiniert. Literatur macht also keine wahren Saetze, sondern solche, deren Gehalt durch sie veraendert wird. Gleichsam eine Poetisierung der Wahrheit. Der Gang in die Innenwelt und daraus die Erschaffung von Wirklichkeit. Literatur ist also eine Art von Verkettung, die das gedankliche Feld, den gedanklichen Raum mit ihrer subjektiven Bestimmung bis zum Widerspruch treibt und dadurch Aussagen unbestimmbar macht. Mehr oder weniger ein unvollstaendiger Vorgang.( Goedels Unvollstaendigkeitstheorem: In jedem System gibt es Aussagen, die zwar mit den Mitteln des Systems formuliert, aber weder mit diesen Mitteln bewiesen oder widerlegt werden koennen.) Die Qualifikation von Literatur und Sprachgebrauch ist also die Doppeldeutigkeit, Unbestimmbarkeit, Unvollstaendigkeit, die Beziehung zum Erkannten in Form der Literatur, mehr oder weniger das ,was Carl Einstein sagte, wenn er von der assoziativen Kraft des Wortes spricht. Der Zugang zur Welt ist indirekt. Moderne Literatur ist also eine Aussage nicht ueber etwas, sondern der Versuch ueber sich selbst etwas auszudruecken, im weiteren Sinne Literaturliteratur. Die Literatur erhaelt so etwas von Gegenwaertigkeit oder Gegenwertigkeit von Realitaet aus der behaupteten Wirklichkeit der Sprache. Die Bedenklichkeit der Literaturwissenschaft besteht im theoretischen Ansatz, etwas ueber Literatur zu sagen, das sich nur in ihr selbst ausdruecken laesst. Signifikat und Signifikant. Saussure.

Ein Beispiel: Anagramme:

Obwohl es am Autor liegt, aus vielen moeglichen Zeichenkonstellationen ganz bestimmte auszuwaehlen, bleibt der Handlungsspielraum in einen Rahmen eingepasst, der sich in dieser Auswahl zusammenfuegt. Es geht um die buchstaebliche Verformung, um die Modifikation eines Satzes durch sich selbst. Die Fuelle des literarischen Materials ergibt sich aus einer Unvollstaendigkeit. Praktisch ein rudimentaeres Programm, das Anagramme erzeugt. Die einfachste Form ist ein formales Spiel:

  • Gefrierdienst
  • Erfindergeist
  • Greistriefend
  • Geisterfinder

    Oder ein perfektes Beispiel:

    sUnica Zuern: Die seltsamen Abenteuer des Herrn K.

    Es ist kalt. Raben reden um den See. Reh und Amsel trinken Tee. Rabe, Seher des Unheils am Abend. Erste Sterne. Rede, K ! Die ernste Unke starb sehr elend am Hik. Nebenan redete der Esels - Traum. Es blutete die Nase des armen Herrn K. See, dunkler See der Raben. Atmen heisst Leben, heisst rankendes Traeumen der seltsamen Abenteuer. Die, des Herrn K. ?

    Einerseits wird der Satz: Die seltsamen Abenteuer des Herrn K. anagrammatisch behandelt, andererseits wird aus der Abfolge der 9 Anagramme ein verselbststaendigter Text, eine metaphorische Ikone, eine Erklaerung des ersten Satzes. Vergleichbar handelt Raymond Roussell, der zwar kein strenges Anagramm, aber ganze Romane zwischen zwei festgelegte Saetze schob, die sich dadurch ineinander verwandeln. (impressions de Afrique, Locus Solus) Eine Form oder Methode wird zum Inhalt, zum Thema und zum Mehr als die Summe seiner Teile. Ein Selbst, ein Ich, ist nur in dem Mass eine selbstbestimmte Groesse, wie es seine eigene, fremdbestimmte Konstitution uebercodiert. Das geschieht in der Literatur, speziell in der europaeischen bei Joyce, Flaubert, Mon, Jandl, Wiener, Czernin. Der vermutete Ausfall der Wirklichkeit, die Ignoranz der Realitaet gegenueber wird durch eine Denk- und Gedaechtnisleistung komplexer Systeme wettgemacht. Literatur beweist nichts anderes als dass sie besteht und aus der Form Inhalte erzeugt. Sowie Maturana sagt, sind selbstmodifizierte Systeme auf ihre eigene Struktur der Sprache verpflichtet, nicht aber auf sie reduziert. Literatur ist wie die Psyche strukturdeterminiert. Sie muss sich stets selbst verwandeln, um zu ueberleben. Diese Verwandlung ist nicht methoden- sondern subjektbestimmt. Durch diesen Trick, mehr ist es nicht, findet die Innenwelt des Autors, mit dem er alle Wahrnehmungen ueberschreibt und abwandelt, den Zugang zur Aussenwelt.

    Literatur und Psychologie:

    Die Modifikation der Welt, die das Ich, das Subjekt des Autors als flexibel konstituiert, ist nichts anderes als ein Prozess, der sich in Gang haelt, indem er sich zu grossen Teilen entzieht und veraendert. Der Wert der reinen Zeichen, der Sprache, entzieht sich unserem Zugriff. Es sind ausnahmslos nach Morris sign-vehicles einer sprachlichen Welt. Dabei veraendert sich die Objektivitaet der Erkenntnisse durch das Subjekt des Autors. Literaturen mit ihrer unwissenschaftlichen Vorgeschichte definieren sich in den staendigen Variationen und Flexionen des Subjektes und dem Gebrauch der Sprache. Lieber eine Aporie und Antinomie als die direkte Erkenntnis. Freud sagt: Was man nicht erfliegen kann, muss man erhinken. Das rechtfertigt einerseits die Variations- und Abweichungslust des Schreibens genauso wie die Neurotisierung des Menschen. Literatur ist wie die Seele ueberdeterminiert.

    Freud:

    Die Triebe und nicht die aeusseren Reize, sind die eigentlichen Motoren des Fortschritts. Der Gebrauch der Sprache und die Neukonstruktion von Regeln sind die formalen Grundlagen des Inhalts, der als Literatur erscheint. Wahrnehmungen werden nicht empfangen, sondern aktiv erzeugt. Die Analyse der Literatur als Wissenschaft aehnelt also bestenfalls der Traumdeutung in der Psychologie. Je komplexer der Traum, desto groesser der Deutungsraum. Je hermetischer die Literatur, desto mehr Moeglichkeiten der Interpretation. Der Trieb sei, sagt Freud, ein Grenzbegriff zwischen Seelischem und Somatischem. Und damit ist er im kognitiven System eingebaut. Freud hat diese Unbestimmtheit sorgfaeltig festgehalten. Uns ist die Triebquelle, also das rein Somatische am Trieb, nur durch seine Ziele bekannt. Er ist nie Objekt des Bewusstseins. Deshalb - nehme ich an - hat er den Begriff: Triebrepraesentanz eingefuehrt. Literatur ist als Material ebenso im Grenzbereich zwischen dem Subjektiven und dem Gebrauch der Sprache angesiedelt. Sie definiert sich in ihrer Unbestimmbarkeit, nicht selten der Unbestimmbarkeit des Subjekts. Als Beispiel: Talking Cure im Falle Anna O. - Breuer - Bertha von Pappenheim. Literatur als Driften von Zeichensequenzen, die kraft einer Uebercodierung moeglich werden. Das Denken und Schreiben ist von der Flexibilitaet des Sprachraumes abhaengig.

    Rene Thom: Das Goedelsche Unvollstaendigkeitstheorem ist ein technischer Ausdruck fuer unseren Sprachgebrauch.

    Psyche und Literatur:

    Dieter Hombach: Die Drift der Zeichen und Bedeutungen, die das, was sich in ihnen ausdrueckt, unmerklich verschiebt, bis, vom Prinzip der Stillen Post geleitet, Widersprueche verbunden und Abkoemmlinge gebildet sind, die ihren eigen Ausgangspunkt modifizieren und dabei den Sprecher unberuehrt lassen, obwohl er der Grundfaktor ist. Eine Sprache ist wie das Unbewusste ausgebildet und fabriziert ueber vermutete Strukturen ihren eigenen fiktionalen Sachverhalt ab. Nach Einstein: Die Fabrikation der Fiktionen.

    Adorno:

    Realismus: Will der Roman seinem realistischen Erbe treu bleiben und sagen, wie es wirklich ist, so muss er auf den Realismus verzichten, der, indem er die Fassade produziert, nur dieser bei ihrem Taeuschungsgeschaefte hilft. Eisendle: Wunderwelt

    Die vorletzte Fassung der Wunderwelt: Die Verdraengung des Wirklichen durch die Literatur ist absolut. Die Verdraengung der Wirklichkeit ueber die Sprache ist eine Fiktion, die sehr gut zur Literatur passt. Wie das Ding an sich, die Wirklichkeit an sich, die Literatur an sich. Der bevorzugte Ort des Vorgehens ist mit dem Alphabet als Werkzeug die grosse, unendliche Bibliothek, in der alle Zeichen, in all den unzaehligen bewusstseienden Bewusstseinsstrukturen mit allen Loechern, Luecken und Fugen und Ritzen und Zu- und Abfluessen, Eingaengen und Ausgaengen und Uebergaengen aufbewahrt sind. Ein Arbeitsfeld, das nicht zwischen Sein und Schein unterscheiden laesst. Ein riesiges Bewusstsein, wobei sich der Autor tatsaechlich nicht mehr auf Wahrheitsfindung einlassen kann wie die Wissenschaft, die auf Erkenntnis pocht und die Wahrheit will. Caudwell:

    Es gehoert zur poetischen Technik, die Woerter ungrammatisch zu behandeln, um ihre unmittelbaren affektiven Toenungen zu verwirklichen. Die Illusion der Poesie muss deshalb dem Stueck der Aeusseren Wirklichkeit innewohnen, dem die Emotion anhaftet. Der Unterschied zwischen dem von der Kunst und dem von der Wissenschaft ausgewaehlten Stueck Wirklichkeit besteht darin, dass die Wissenschaft nur daran interessiert ist, in welchem Verhaeltnis das ausgewaehlte Stueck zu der Wirklichkeit steht, aus der es stammt, wohingegen die Kunst an dem Verhaeltnis zwischen dem Genotyp und dem ausgewaehlten Stueck Wirklichkeit interessiert ist und daher die ganze hinter dem Stueck stehende Wirklichkeit nicht beachtet. Die Welt liegt ausserhalb von Sprache und Wort. Die Sprache ist ein System kontingenter Zeichen, das der Komplexitaet des Wirklichen notwendig inadaequat bleibt. Schon das grammatikalisch regulierte Sprechen erzwingt die Stilisierung der Erlebnisse und begrenzt die komplexen Erlebnisse. Die gleitenden Zwischenstufen des Erlebens und Geschehens werden verdraengt und unterdrueckt und in der Literatur intentional verarbeitet. Der Zweck heiligt alle Mittel, weil die beschreibende Kraft der Sprache begrenzt ist. Gilbert Ryle, Der Begriff des Geistes: Seite 12 Die Taetigkeits-, Haupt- und Eigenschaftswoerter, mit deren Hilfe wir gewoehnlich Intelligenz, den Charakter und die hoeheren Verrichtungen unserer Mitmenschen beschreiben, muessen nun als die Bezeichnungen von Vorfaellen in ihren Geheimbiographien betrachtet werden oder aber als Bezeichnung der Tendenz zu solchen Vorfaellen. Wenn wir von jemandem sagen, dass er etwas weiss, glaubt oder erraet, dass er etwas erhofft, fuerchtet oder wuenscht, dass er dieses plant oder dass es ihn belustigt, dann, so wird behauptet, bezeichnen dieser Zeitwoerter den Vorfall besonderer Veraenderungen in seinem uns verborgenen Bewusstseinsstrom. Nur sein eigener bevorrechteter Zugang zu diesem Strom in direkter Erkenntnis oder Introspektion kann authentisch bezeugen, dass diese Geistestaetigkeitswoerter richtig oder unrichtig angewendet wurden. Der Zuschauer, ob nun Lehrer, Kritiker oder Freund, kann sich niemals vergewissern, dass seine Bemerkungen auch nur die leiseste Spur der Wahrheit tragen. Friedrich Waismann:Der Sinn als Schatten der Wirklichkeit.

    Was ist der Sinn eines Satzes ? Eine solche Frage verfuehrt in mancher Richtung. Uns ist, als ob der Sinn ein Schatten sei, der hinter den Zeichen steht, ein Schattenbild der Wirklichkeit, die der Satz darstellt. Diese Auffassung mag davon hergenommen sein, dass uns manchmal beim Aussprechen oder Hoeren des Satzes wirklich ein Vorstellungsbild dieser Wirklichkeit vorschwebt. Ist nun dieses Vorstellungsbild der Sinn ? Aber wie kann uns dieses Bild prinzipiell weiterfuehren ? Wie kann es zwischen Zeichen und Wirklichkeit vermitteln ? Dann brauchte es ja eines Schattens jenes Schattens usw. Benjamin Lee Whorf, Sprache - Denken - Wirklichkeit: Seite 74.

    Menschliche Wesen leben weder nur in der objektiven Welt noch allein in der, die man gewoehnlich die Gesellschaft nennt. Sie leben auch sehr weitgehend in der Welt der besonderen Sprache, die fuer ihre Gesellschaft zum Medium des Ausdrucks geworden ist. Es ist durchaus eine Illusion zu meinen, man passe sich der Wirklichkeit im wesentlichen ohne Hilfe der Sprache an und die Sprache sei lediglich ein zufaelliges Mittel fuer die Loesung der spezifischen Probleme der Mitteilung und Reflexion. Tatsaechlich wird die Reale Welt sehr weitgehend unbewusst auf den Sprachgewohnheiten der Gruppe erbaut... Wir sehen und hoeren und machen ueberhaupt unsere Erfahrungen in Abhaengigkeit von den Sprachgewohnheiten unserer Gemeinschaft, die uns gewisse Interpretationen vorweg nahelegen. Edward Sapir. Angeblich ist die effektivste Art zu denken die Wissenschaft und ihre Methode. Je effizienter sie allerdings ist, desto tiefgruendiger sind ihre Belehrungen. Darin liegt die hierarchische Macht der Wissenschaft, eben etwas zu verdammen, weil es den Denkgesetzen widerspricht. Wenn also ein Satz als das Instrument der Wahrheit angesehen wird wie Wittgenstein es wollte, dann muss er, der Satz, Wahrheit realisieren. Aber durch die Behauptung allein wird Wahrheit nicht realisiert. Wenn also ein Satz von sich selbst sagt, er sei wahr, sagt er nichts aus, sondern ist ein Tautologie. Die Wahrheit bleibt also immer eine Leerstelle. Die Anonymitaet des Seins, welche die Wissenschaft behauptet, wird in der Literatur aufgehoben, die Ungewissheit der Wahrheit, welche die Wissenschaft als Erkenntniszwang fordert, wird unterlaufen und die Heterogenitaet der Wirklichkeit, welche die Wissenschaft widerlegen muss, in die Struktur der Sprache aufgehoben. Durch die Behauptung des Subjektiven, denn nur durch dieses ist die Anonymitaet des Seins, die Ungewissheit der Wahrheit, die Heterogenitaet der Wirklichkeit, fassbar, als einzige unabaenderbare Methode der Literatur, liegt es nahe, sie im Widerpart unter dem Erkenntnisanspruch auf Wirklichkeit als soft - science zu bezeichnen.

    Literatur:

    1. Dieter Hombach, Die Drift der Erkenntnis
    2. Humberto Maturana, Erkennen: Die Organisation und VerkÓrperung von Wirklichkeit
    3. Erich Jantsch, Selbstorganisation des Universums.
    4. Theodor W. Adorno: Minima moralia; Noten zur Literatur I.
    5. Benjamin Lee Whorf, Sprache - Denken - Wirklichkeit
    6. Friedrich Waismann, Logik, Sprache, Philosophie
    7. Christopher Caudwell, Illusion und Wirklichkeit, Studien zu einer sterbenden Kultur
    8. Carl Einstein, Ausgabe in drei Baenden
    9. Fritz Mauthner, Beitraege zu einer Kritik der Sprache
    10. Sigmund Freud, Werke

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