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ENDZEITDROHUNG UND TECHNOFASCHISMUS

© Franz Krahberger

"Ungelöst wird dieses Problem alle unsere anderen Problem unlösbar machen." Aldous Huxley

Ein verdrängtes Problem kehrt zurück. Ende der 80 er Jahre entschloss ich mich, die aus dieser Arbeit an "Humbolts Reise" entstehenden Konsequenzen nicht mehr weiter zu verfolgen. Ich war damit in Endzeitdenken und in den Endzeitraum vorgedrungen und war erschrocken über die unausweichlichen Folgen, die dieses Denken erkennen liess. Subjektiv kommt es letztendlich auf dasselbe hinaus, ob man über seinen eigenen Tod oder das Ende des Menschen nachdenkt. Doch bald beginnt man zu merken, das letztere Ausweitung des Themas ein Gewicht erlangt, das zu einer zunehmend erschwerenden Last wird. Der deutsche Philosoph Horstmann, der offensichtlich ebenso die möglicheBarberei der Endzeit erahnte, forderte aus der Würde der noch bestehenden Zivilisation heraus den schlagartigen globalen Suizid der menschlichen Zivilisation. Da er die Menschheit als Fehlentwicklung ansah, dürfte es ihm auch daran gelegen ein, daß nicht nur die Zivilisation sondern auch die menschliche Rasse für mmer aus der Evolution der Natur verschwinde. Horstmanns Radikalität ging weit über alle bekannten rechts- oder linksradikalen, nihilistischen und anarchistischen Vernichtungs Konzeptionen hinaus.

Horstmann forderte den globalen Suizid aus humanitären Gründen. Er fürchtet auf Grund der sich entwickelnden Rahmenbedingungen die da lauten Schwinden der Resourcen, Steigerung der Population, Verstärktes Wieder- und Neuauftreten von Seuchen, andauerdne atomare Kriegsgefahr und fortgesetzte Zerstörung der Natur eine Verrohung und Bestialisierung der Menschheit, die allen humanen und religiösen Errungenschaften der Menscheit spottet und das virtuelle Bild des Menschen von vornherein entwürdigt und in den Dreck zerrt. Gleichzeitig hat er natürlich auch unendliches kommendes Leid im Auge, das ihn seinen Lösungsvorschlag als gerechtfertigt ansehen liess.Horstmann trat in mehreren Talkshows auf und verschwand dann bald aus dem Licht der Öffentlichkeit. Zu radikal und unverdauhlich, letztendlich auch nicht sinnvoll diskutierbar erscheint sein Vorschlag.Mit ihm verschwand auch die Endzeitdiskussion weitgehend aus den Medien. Sie verschwand nicht mit ihm, weil er etwa so ein hervorragender Protagonist gewesen wäre, sie verschwand, weil die Elite und deren Zuarbeiter zu diesem Zeitpunkt entschieden hatten, über die gedanklich nicht mehr erfassbare Katastrophe nicht mehr zu reden. Sicherheit durch Verschweigen, durch Stillschweigen, durch Ablenkung, so wird man sich das wohl vorgestellt haben. Vermeidung von Panik durch Abschalten der Rauchmelder, obwohl sich Brandgefahr ankündigt.

Auch ich entschloss mich, mit dem angesammelten Wissen so gut wie möglich zu leben und verzichtete auf Vertiefung des Themas. Man kann es auf Dauer nicht durchhalten, Überbringer der ewig gleichlautenden schlechten Nachricht zu sein.Trotzdem war mir klar, daß die Ursachen des Themas nicht verschwunden waren, sich im Gegenteil mehr oder minder ungehindert weiter ausbreiteten.

Die Arbeit Vanitas 2000, die ich mit der Unterstützung eines Mitarbeiters einer Fernsehanstalt herstellen konnte, war sozusagen eine Fokusierung der katastrophalen Perspektive durch den fast 30 Minuten dauernden Zusammenschnitt von jeweils aktuellen Meldungen über ökologische, technologische und Versorgungskatastrophen.Dieser Zusammenschnitt, nur unterlegt mit einem eindringlichen Sekundenton, der sozusagen die laufenden Bilder freistellte, verfehlte bei den Betrachtern seine Wirkung nicht. Ihnen wurde bewusst, daß die vor ihren Augen abrollenden Bilder, die in ihrer Summierung über dieAktualität hinaus zu einer Verallgemeinerung getrieben wurden, einen realen Ausblick auf die Katastrophe darstellten.Diskutiert haben wir darüber nicht. Was gäbe es darüber auch zu diskutieren. Die Betrachter anerkannten die Faktizität des Geschehens. Unausweichlicher konnte man das nicht mehr formulieren.Ich hatte zusätzliche Klarheit über einen ungeheuerlichen Vorgang gewonnen und vermittelt. Dokumentar-Video kann eine Art Teleskop sein, mit dem man bestimmte Zustände und Entwicklungen verdichten und eindringlicher gewichten kann.Damit erzielt man einen Effekt, der mit Schrift und Sprache nur schwer erreichbar ist.So wird es möglich, Häufigkeiten von Ereignissen zeigen, die etwa in einer Abendmeldung nicht das Gewicht bekommen, das ihnen eigentlich zusteht.

Andererseits müssen wir davon ausgehen, daß die permanente Konfrontation des Sehers mit dieser extremen Botschaft diesem nicht zumutbar ist. Man braucht sich nur in Erinnerung zu rufen, welche Betroffenheit hier in Österreich die Nachricht über den englischen Rinderwahnsinn und damit über mögliches verseuchtes Fleisch im Warenverkehr ausgelöst hat. Tagelang, wenn nicht wochenlang ging der Verkauf von österreichischem Rindfleisch, das von der noch entfernten Seuche nicht betroffen sein konnte , zurück.Auch dieses Ereignis läßt verstehen, warum Leute wie Horstmann auf Dauer keinen Platz in den Massenmedien finden.Irgendwie erinnert die Situation an die des untergehenden Luxusliners. Während dieser unwiederruflich sinkt, spielt die Bordband im Salon heitere Schlagermelodien.

Natürlich können wir nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, daß unser Raumschiff, die Erde, im "Sinken” begriffen ist. Wir registrieren jedoch bedenkliche Mehrung von Anzeichen, die eine systembedingte globale Katastrophe über den Rahmen des Möglichen hinaus wahrscheinlicher machen. Vor allem, die Symptome und die zugehörigen Ereignisse häufen sich. So entsteht eine gewisse statistische Wahrscheinlichkeit. Selbstverständlich wissen wir darüber Bescheid, daß es Naturkatastrophen, daß es Seuchen und verheerende Kriege in der Geschichte der Menschheit zur Genüge gegeben hat und sowohl Mensch, Kultur als auch Natur diese auch überlebt haben. Wie ich einem im vorigen Jahrhundert verfassten Text über die Geschichte der Bekämpfung der Pest entnehmen konnte, hat die Menschheit auch damals mitVerdrängung und Ausschluß des betroffenen Personenkreises reagiert. Krankes wird verfallen erklärt und aufgegeben.Wir übersehen auch nicht, daß ein bereits stattgehabter Untergang, die Sintflut, und die in die Zukunft projezierte Apokalypse zu den zentralen Mythen unserer christlichen Religion zählen.Natürlich glauben wir in unserer aufgeklärten Überheblichkeit über der Simplizität der religiösen Vorstellung zu stehen. Und natürlich meinen wir auch in unserer Wissenschaftsgläubigkeit, daß eine rationale, grosstechnische Lösung die Katastrophe und den Untergang abwenden kann.Das erschreckende daran ist, daß sich der zivilisierte Mensch ausserhalb seiner Zivilisation sich nichts mehr vorstellen kann. Noch erschreckender ist, daß diese Zivilisation nach ihren eigenen statistischen Voraussagen zum Untergang verurteilt ist.

Die Entwicklungen im gesellschaftlichen Umgang, in der Politik entsprechen durchaus der Untergangsvision. Ich glaube nicht an einen traditionellen politischen Rechtsrutsch. Ich meine, daß jenes, das hier unter rechter Entwicklung läuft, ungeschönter Ausdruck der Krise und der kommenden Katastrophe ist. Nennen wir es Kampf um Raum, um Resourcen, Kampf um grundlegende Lebensmittel wie Wasser etc., Kampf um den Anteil am Sozialprodukt und um die soziale Stufe.Kampf um Raum und um Rohstoffe war auch ein wichtiges Kriegsziel der Nationalsozialisten. Sie verbanden ihren verlogenen und unmenschlichen Krieg noch mit Begriffen wie Ehre, Überlegenheit der Rasse, Erhaltung der abendländischen Kultur und Zivilisation. Mit solchen Argumenten lässt sich heute offen kein Staat mehr machen.Nach wie vor ist jedoch die ökonomische und territoriale Komponente treibender Motor der rechten Radikalisierung.Die Angst vor Identitätsverlust und Überfremdung wird geschürt, Erhalt der Volkskultur wird gefordert, Wien muss Heimatstadt bleiben, so ein verqueres Argument im heurigen Wiener Landtagswahlkampf. Als ob von allen Kirchturmspitzen schon die grünen Farben des Islam wehen würden.

Möglicherweise ist bereits die gesamte Geschichte des 20. Jahrhundert von der Endzeitvision bestimmt. Die ökonomische und territoriale Komponente wird durch steigende Population und Resourcenrückgang verschärft. Das rechte Argument birgt in sich die Gefahr, zum rationalen Argument zu werden, dem sich der sogenannte Hausverstand nur mehr schwer verschliessen wird können und die rechtspopulistischen Führer taktieren nicht ungeschickt in diese Richtung. Es ist durchaus möglich, daß die Rechte im Überlebenskampf die erfolgreicheren Argumente haben wird. Sie setzt diese ja heute bereits skrupellos ein. Das sogenannte Nachziehen der Regierungsparteien ist dann wohl nur mehr ein gemilderter und rationalisierter Faschismus. Die Festung Europa wird nicht nur nach aussen hin, gegenüber den armen Ländern gegen unerwünschten Zuzug abgeschottet, sie wird auch nach innen hin befestigt. Man kann davon ausgehen, daß die Regierungen und die herrschende Schichte mit künftighin verstärkten sozialen Unruhen rechnen.

Die Sicherheitsmaßnahmen im Inneren manifestieren sich eher selten in der offenen Präsenz der Staatsgewalt. Prügelnde Polizisten mit herabgelassenen Visieren und mannshohen Schilden passen einmal nicht besonders gut zum deklarierten liberaldemokratischen Staat. Doch unter der Oberfläche wächst eine technische Überwachungsstruktur, die sowohl die Einrichtungen des Staates als auch der Wirtschaft mit Einsatz von hochtechnologischen Mitteln gegen ungewünschten Zugriff schützen soll. Dem Ruf nach mehr Sicherheit durch diverse Politiker und Law- and Order Zeitungen folgt die Wirtschaft mit dem Ein- und Ausbau hochwertiger Sicherheitstechnologien.Die oberen Ränge zeigen Mißtrauen gegenüber der Mehrheit ihrer Untergebenen. Der freie Zugang zu Firmengebäuden und der freizügige Verkehr im Inneren dieser Gebäude wird künftighin streng elektronisch überwacht und geregelt. Die Wirtschaft ist sich darüber im klaren, daß sie im Zuge ihres "Gesundungs-Prozesses” noch eine Reihe von Mitarbeitern entfernen muss. Der neue Faschismus kommt nicht allein von der Strasse, er entsteht aus der wirtschaftlichen Situation heraus.. Um die Position im brutalen Kampf um Marktanteile zu verbessern wird bedenkenlos rationalisiert und Rationalisierung bedeutet heute Mitarbeiterentlassung, Freisetzung, Produktion in Billiglohnländern. Die ehemaligen Partner Wirtschaft und Staat driften längst auseinander. Anstelle der Linken, die um die Aufrechterhaltung der Wirtschaft willen und der damit verbundenen Arbeitsplätze alles akzeptiert und auch in der Zwischenzeit bereit ist, die Demontage des sozialen Netzes hinzunehmen, warnen heute bürgerliche Kommentatoren zunehmend vor einer Marktwirtschaft mit unmenschlichem Charakter, vor einem herzlosen Kapitalismus.

Im wirtschaftlichen Bereich werden die griffigen Argumente wie Flexibilität, Freisetzung, Entberuflichung, Entbetrieblichung, zwei wundersame Worte, die von der hiesigen Unterrichtsministerin unbedacht aufgenommen wurden und Telearbeit umschreiben sollen, schlankes Management usf. gebildet. Von dort kommen die Neusprech-Monster, die uns progressiven Gesellschaftswandel verheissen und doch nur erneutes soziales Elend mit sich bringen werden. Die Arbeitskämpfe der jüngsten Zeit entsprechen mehr der Wahrheit als die schönfärberischen Slogans diverser Industriesprecher vom Solidarpakt. Insgesamt haben wir es mit negativen, antisozialen und inhumanen Entwicklungen zu tun, die gut ins Untergangspanorama passen. Und genau mit der Angst, die aus diesem Panorama entsteht, wird regiert.

Der grosse Rationalisierungsschub und die wirtschaftliche Flurbereinigung , beides Ursachen der jüngsten fatalen Entwicklung der Arbeitsmärkte, steht in engem Zusammenhang mit neuen Technologien. Die Datenverarbeitung und die sich rasant entwickelnden Möglichkeiten der Telekommunikation spielen in diesem Prozess eine wesentliche Rolle, die von bemerkenswerten Erscheinungen begleitet wird. Das, was da von Akademikern, Intellektuellen, Künstlern, Freaks als der grosse Befreiungsschlag in der weltweiten Telekommunikation begrüsst wurde, die interaktive Nutzung von weltweit umspannenden Computer- Netzwerken, kann sich sehr rasch als neue Kontrolltechnologie herausstellen.

Auch im Bereich der avancierten digitalen Technologie treten Ideologien auf, die durchaus mit der eingangs erwähnten Endzeitdrohung zu tun haben. Führende Experten der aus der elektronischen Datenverarbeitung abgeleiteten künstlichen Intelligenz, kurz KI, sprechen von der Antiquiertheit des Menschen. Sie halten das, was Günther Anders als negative Entwicklung angesehen hat, für ein endgültiges Urteil über den Menschen. Sie betrachten den Menschen als überholt. Sie sprechen dem Menschen in seiner gegenwärtigen Erscheinungsform die Zukunft ab und verkünden die Überlegenheit der technisch hervorgebrachten Intelligenz. Um der menschlichen Art überhaupt noch ein Chance zurechnen zu können, müsse diese sich an die neu geschaffene künstliche Intelligenz nicht nur anpassen, sie müsse sich daran sogar instrumentell adaptieren. Mensch und Maschine sollen mit Hilfe von Biochips zu einer neuen, zukunftsfähigen Spezies verschmelzen. Das Ende der menschlichen Evolution wäre abzusehen oder sei bereits erreicht. Bernd Flessner zitiert in der Ausgabe vom 24.5.1996 der Neuen Zürcher als Exponenten dieser Auffassung Luc Steels, Direktor des Brüsseler Instituts für künstliche Intelligenz, Marvin Minsky vom Massachusets Institute of Technology (MIT), Frank J.Tipler ("Physik der Unsterblichkeit”) und Hans Moravec ("Mind Children - Der Wettlauf zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz”). Auch Villem Flusser hat im menschlichen Körper einen "Spielverderber” auf dem Weg in die digitale Unendlichkeit gesehen und dessen "Schrumpfung” empfohlen und den Transfer der menschlichen Seele beziehungsweise des individuellen Bewusstseins in die virtuelle Umgebung des Cyberspaces empfohlen. Der KI-Forscher Moravec, Carnegie Mellon University, beschreibt einen derartigen Vorgang in seinem Artikel "Dualism Through Reductionism". Nennen wir das einmal das virtuelle Begräbnis, das ewiges Leben verspricht.

Wie sich aus Tiplers Titel "Physik der Unsterblichkeit"und dem Minsky Zitat: "Menschen sollten sich in Maschinen verwandeln, denn wenn sie ihre Intelligenz in eine andere Verkörperung zu übertragen vermögen, könnten sie in der Lage sein, ewig zu leben und sich fortzuentwickeln” ableiten lässt, ist der Wunsch nach Digitalisierung der menschlichen Intelligenz eng verknüpft mit dem Wunsch nach ewigem Leben. Der Traum ist alt und Teil fast aller Religionen. Flessner zitiert auch die antiken Vorläufer, die vom Homunculus träumten und die Kabbalisten, die sich durch Neuschöpfung des Golems die Kraft des Schöpfers zu Eigen machen wollten.

Der Rang der angeführten KI-Forscher, die die Forderung nach einer posthumanen Spezies aufstellen, ist zu ernst, als diese als lächerliche Fiction oder Hollywood Geisterbahn abzutun. Ich kenne ihre Beweggründe, warum sie zu diesem Schluss kommen, nicht. Ich vermute darin jedoch Wunsch nach besserer Funktionalität, höherer Präzision und unbegrenzte Lebensdauer als wesentliche Motivation. Man kann darin auch die Verherrlichung der Intelligenz vermuten. Flussers Beweggrund ist mir deutlicher. Er hat seine Entscheidung vor dem Hintergrund der menschlichen Geschichte, die sich ihm vor allem als Aneinanderreihung von Grausamkeit, Gewalttätigkeit und Ungerechtigkeit darstellte und vor allem aus der traumatischen Erfahrung des jüdischen Holocausts getroffen. Flussers liegt damit nahe bei Horstmann, der meint, daß die Menschheit ihr moralisches und evolutionäres Recht verspielt habe. Vor allem fürchtet er die künftig zu erwartenden Deformierungen des Menschen im Überlebenskampf. Sowohl Flusser als auch Horstmann argumentieren aus extremen Kultur- und Humanitätsverlust. Die von Flessner angeführten Argumentationslinien der anderen Vertreter der KI zielen eher auf erhöhte Rationalität und Funktionaliät der technoiden Intelligenz, die der menschlichen Intelligenz bei weitem überlegen sein soll. Auch die Nazis haben ihre Handlungen damit gerechtfertigt, daß höhere Intelligenzen niedere unterwerfen, ja sogar ausrotten dürfen. Ich möchte den KI-Forschern nicht völlige Inhumanität unterstellen und es wäre mir zu billig, sie als Rassisten der Silizium-Intelligenz anzusehen. Luc Steels ist sich etwa in seinem Artikel über die Zukunft der Intelligenz durchaus über das innewohnende Gefahrenpotential bewusst.

Hinzu kommt noch eine weitere Steigerung, der auch im Horstmannschen Denken nicht gefolgt wurde. Es ist schon aussergewöhnlich schwer sich vorzustellen, daß ein Volk ein anderes auszulöschen bestrebt ist. Das dies allerdings doch mit einer durchdachten großtechnischen Lösung stattgefunden hat, müssen wir als gegeben hinnehmen. Fast unmöglich erscheint es jedoch, daß die Menschheit den Beschluß zu fassen imstande wäre, sich entweder wie von Horstmann vorgeschlagen selbst aufzulösen oder sich Flusser folgend zugunsten einer höheren technischen Intelligenz aufzugeben.

Die weiteren Modelle etwa der Biosynthese dürften eine ziemlich einseitige Angelegenheit sein, da die die strenge formale Logik der künstlichen Systeme wenig mit den menschlichen Fehlern und der uns innewohnenden Irrationalität anzufangen wissen wird. Sollte auch noch das Kernproblem der künstlichen Intelligenz, die eigenständige und dauerhafte Energieversorgung, sowie das der Reproduktion, der Entwicklung, der Selbstreperatur von den Maschinen selbst gelöst werden , können wir nicht verhindern, daß die künstliche Intelligenz sich dazu entscheidet, sich von der ihr lästigen menschlichen Intelligenz zu befreien und diese möglicherweise sogar zu vernichten. Dieses Szenario wurde bereits in dem Film Space- Odyssee 2000 von Stanley Kubrick entwickelt.Der Gedankengang der autonomen Energieversorgung von Maschinen war eine zentrale Aussage des Schwarzenegger Films Terminator 1. Luc Steels hat in seinem Brüsseler Labor ein komplettes Roboter-Oekosystem geschaffen, in dem Roboter unter anderem die Notwendigkeit Energie zu sammeln lernen, und sich dessen zu versichern, daß Energie auch verfügbar ist.

Die Herabwürdigung des Menschlichen zu reiner technischer Funktionalität zeigt sich in allen materialistischen Gesellschaften. Jene Arbeiter, die unter Einsatz ihres Lebens und ihrer Gesundheit die ärgsten Folgen der atomaren Katastrophe von Tschernobyl verhinderten, wurden in der der offiziellen Terminologie Bioroboter genannt. Welche Verachtung für das Schicksal des Einzelnen spricht aus derartiger Sprachregelung.

Den technoiden Konzeptionen ist gemeinsam, daß in die Entwicklung natürlichen Lebens kein Zutrauen mehr gesetzt wird.Anstelle der Natur tritt die Kunst, der Artefakt, der irgendwann wichtiger als sein Schöpfer wird.

Nur allein die christliche Religion, insbesondere die katholische Kirche und ein paar esoterische Gruppierungen und extreme Naturschützer stehen uneingeschränkt hinter dem Schutz des Lebens, insbesondere des menschlichen Lebens. Das ist an sich klar, ist doch die Schöpfung und damit ihr natürlicher Fortgang in der religiösen Vorstellung aus göttlichem Wollen und Handeln entsprungen, und damit der Schutz der Schöpfung göttlicher Auftrag. Diese Haltung lässt sich etwa in der umstrittenen Abtreibungsfrage ablesen . Wir wissen jedoch auch, daß das uneingeschränkte Wachstum der Population die Ausbeutung der Lebensgrundlage beschleunigt. Die katholische Formel des Lebens in Armut gilt hier nicht mehr, wie die Entwicklungen in der dritten Welt weisen. Die arme Gesellschaft etwa der Madagaskarener kann nur mehr existieren, in dem sie den Bewuchs des Landes vernichtet und damit der Erosion preisgibt. Ähnliche Entwicklungen durch die Beschaffung von Feuerholz kennen wir aus dem Norden Indiens. Diesem kleinen Teufelskreis könnte durchaus jener entsprechen, den wir in der Verknüpung globaler Wirtschaftsinteressen und fortgesetzter Vernichtung des Regenwalds kennen. Nur, der Beweggrund des einen ist das nackte Überleben und nicht das wirtschaftliche Gewinnstreben und die ungebremste Gier nach Profitmaximierung.

Ich habe mich in den letzten Jahren in vielen Anschauungen wieder dem Christentum zugewandt und habe seine Bedeutung für die Kultur und die Geschichte, in der ich lebe ebenso wie die Bedeutung für die Entwicklung der einzelnen Persönlichkeit wie aber auch dessen Bedeutung für eine funktionierende Gemeinschaft erneut schätzen gelernt. Alle grossen sozialen Bewegungen, insklusive der materialistischen können ihre Herkunft aus dem gesellschaftlichen Entwurf des Christentums nicht leugnen. In der Zwischenzeit ist mir jedoch klar geworden, daß auf die entscheidenden Fragen des Lebens zu Beginn des 21.Jahrhunderts auch das Christentum keine wirklich Antworten mehr geben kann. Zusehr klaffen tatsächliche Entwicklung und positive Absicht auseinander. Nichts desto trotz ist mir das Prinzip der Hoffnung, das zu einer der Kernsubstanzen des Christentums zählt , wichtig geworden. Es zählt zu den wenigen, aus denen ich in einer absurden und gewalttätigen Welt Kraft und manchmal auch Zuversicht schöpfen kann. Und ich habe jene Christen achten gelernt, die in den dreckigsten Slums dieser Welt, die mir manchmal insgesamt als der Höllenort der Verdammnis vorkommt, sich in einem Leben der Armut des Lebens der Ärmsten der Armen annehmen. Sie handeln wirtschaftlich gesehen völlig absurd, aber sie handeln menschlich. Sie sind für mich zu denen geworden, die im Abgrund der Hoffnungslosigkeit durch aktives Handeln das Bildnis der menschlichen Würde am Leben erhalten, in dem sie den Geringsten und Aufgegebensten ihre Pflege angedeihen lassen. Sie gehen unbeirrt ihren Weg an längst abgeschriebenen Orten und demonstrieren damit ihren unabdinglichen Glauben an das Leben. Doch auch sie sind in den Strudel des Untergangs verfangen, in diesen seltsamen globalen Prozess, der so unerbittlich und auswegslos erscheint. In dieser Welt, die längst nicht mehr an friedliche Entwicklung und Gesundung glaubt, in der sich im Inneren der Länder und gesellschaftlichen Gefüge neue Erruptionen vorbereiten, zwangsläufig vorbereiten, weil es keinen Ausweg aus der globalen Misere gibt und jeder Versuch eines regionalen Gesundungsprozesses von der Krankheit des gesamten Körpers wieder eingeholt wird.

Noch bietet die Technologie virtuelle Fluchtwege an, die letztendlich doch nur Verdrängungen der ungeheuren Realität sein können. Die Eingriffe von Naturwissenschaften und Technik gehen heute weit über die von den Religionen gesetzten Grenzen hinaus. Menschenleben und Menschenwürde verlieren an Wert, die schützenden Sphären werden eingerissen und abgetan.

Vielleicht war der jugoslawische Krieg bereits ein Szenario der Zukunft. Hier wurde uns deutlich vorgeführt, zu welchen Handlungen Menschen untereinander fähig sind. Man hätte diese Erfahrung ernster nehmen sollen, war es doch ein zivilisiertes Land, das in diese Katastrophe schlitterte. Manche sahen darin zwar nicht mehr als einen balkanesischen Aufstand von slivovitssaufenden und Messer zwischen den Zähnen tragenden wildgewordenen Partisanen und deren rabiat gewordener Stammesführer. Doch das enstpräche nur den Vorurteilen einer sich erhaben fühlenden westlichen Zivilisation, die in keiner Weise gerechtfertigt sind. Denn was da inmitten Europas passiert ist, ist uneingeschränkt in allen Ländern der Erde denkbar. Kein Staat ist mehr davor gefeiht. Was sollen wir davon halten, wenn sich etwa der italienische Norden vom italienischen Süden trennen will, weil die oberen fleissig und die unteren angeblich faul sind. Erinnern wir uns, daß auch der gesamtjugoslawische Staat an einer gleichartigen Auseinandersetzung scheiterte. Werden wir dann von italienischen Verhältnissen anstatt von jugoslawischen Verhältnissen reden?. Was könnte da auf uns zukommen, wenn die amerikanischen Rechtsradikalen an Macht und Einfluss gewinnen? Offener Bürgerkrieg in den USA? Militärhistoriker schätzen den jugoslawischen Krieg als Modellfall für künftige Entwicklungen ein.

Viele der rechtsradikalen Ansichten, mit denen Europa überschwemmt wird, entspricht durchaus jüngeren Entwicklungen in den USA. Und man kann nicht mehr sagen, welcher Teil der freien Welt noch für die Freiheit eintritt, wer es noch ernst und ehrlich meint und nicht längst schon den zynischen Umgang mit humanen Begriffen und gesellschaftlichen Hoffungen pflegt.

Ich habe hier Themen verknüpft, die möglicherweise nur peripher miteinander zu tun haben. Eines dürfte ihnen gemeinsam sein, der Bedeutungsverlust, den der Mensch, die Menschheit und das Menschenbild erfährt.

Aber was soll das schon, wenn die Apokalypse läuft. Und auch die braucht ihre Zeit. Wir werden noch einige Zeit zusehen können.


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