© by Franz Josef Czernin
1. KAPITEL
ALLES IN ALLEM
(EIN SUMMARISCHES PORTRAIT ALS EINLEITUNG)
Ich halte Marcel Reich-Ranicki für einen in mancherlei Hinsicht
bemerkenswerten Kritiker, jedenfalls für einen, der - das ist
seine Diktion - sein Handwerk besser versteht als die meisten
anderen Kritiker in den deutschsprachigen Feuilletons. Er
schreibt zumeist einfach und klar, seine Argumente scheinen
nachvollziehbar, sein Sinn für die Komposition und die
Pysiognomik mancher literarischer Kunstwerke ist durchaus
differenziert und artikuliert und auch, untrennbar davon, seine
Fähigkeit zu literaturhistorischer Klassifikation.
Häufig gelingt es Reich-Ranicki, seine Kritik in überzeugend
zugespitzten Sentenzen oder Formeln auf den Punkt zu bringen;
nur manchmal sind diese Formeln klischeehaft und werden
unabhängig von dem jeweiligen Gegenstand der Kritik etwas grob
und allzu griffig angewandt. Oft sind sie aber treffend, und
nicht selten ausserordentlich witzig, und dieser Witz macht sich
selten selbstständig, sondern behält zumeist die legitime
Funktion, ein überraschendes Licht auf die zu kritisierende
Sache zu werfen.
Auch beweist er einiges Einfühlungsvermögen in die
Arbeitsperspektive von Schriftstellern, deren Werke er
bespricht. Das mag damit zu tun haben, dass er die Kritik von
Literatur selbst als (wenn auch untergeordnete Form von)
Literatur begreift, aber auch mit seiner Begeisterung für die
Literatur, die durchaus glaubwürdig ist und deshalb ansteckend
wirkt, weil sie sich in seiner Schreibweise zeigt, darin, dass
seine Kritiken geschickt Spannung erzeugen und Interesse wecken.
Es ist ein wesentliches Moment dieser Geschicklichkeit, dass er
eine einheitliche literarische Öffentlichkeit zu suggerieren
vermag; eine Öffentlichkeit, die einem Gerichtshof gleicht, in
dem er, Reich-Ranicki, zu Recht im Namen aller und der Literatur
Wort und Prozess führt und sowohl die Plädoyers hält als auch
die Urteile fällt.
Und Reich-Ranicki urteilt unverblümt, seine Kritik ist
tatsächlich Kritik im Sinne ästhetischen Urteilens. Er übernimmt
die Forderung der Aufklärung, dass Literaturkritik richterliche
Funktion haben solle, nämlich darüber zu wachen habe, ob die
Künstler bestimmte Gesetze verletzen, und seien diese Gesetze
auch nicht in einem Katalog auflistbar bzw. verbindlich
formulierbar. Reich-Ranicki ist sich darüber klar und betont
häufig, dass auch in der Literaturkritik die Lauen ausgespieen
werden. Und so begreift er, dass, nach dem Wort Friedrich
Schlegels, das Heil des Kritikers nirgendwo anders liegen kann
als in seinen divinatorischen Fähigkeiten. Sich auf jenes
Divinatorische, jene kritischen Intuitionen zu berufen, ist für
ihn nicht die euphemistische Formel für eine billige Flucht ins
subjektiv Unverbindliche oder Unmassgebliche, sondern im
Gegenteil bezeichnet sie, dass die einzige Möglichkeit, die
Bedeutung eines Kunstwerks zu erkunden, darin bestünde, seinen
Wert zu erforschen.
Allerdings macht sich bei Reich-Ranicki jene richterliche
Funktion auch manchmal selbständig, ihr sprachlicher Gestus
bekommt etwas Selbstherrliches. Da beruft sich Autorität
tautologisch auf Autorität, und so verkommt ihm die
Literaturgeschichte häufig zu einem einigermassen rücksichtlos
ausgebeuteten Zitatenschatz, zu etwas, das man vor allem dazu
gebraucht, um die eigenen Ansichten durch die eigenen Ansichten
zu legitimieren. Wie wäre es sonst möglich, dass er ohne
weiteres sowohl Lessing als auch Friedrich Schlegel in Anspruch
nimmt, ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren, dass ihre
Begriffe von Kritik einander geradezu entgegengesetzt sind.
Wohl auch um dieses autoritären Gestus willen werden die
entsprechenden Urteile, die dann eher rätselhaften Dekreten
gleichen, nicht hinreichend aus der Beschreibung und Deutung des
einzelnen Texts entwickelt.
Auch ist der kritische Widerstand gegen positive oder negative
Superlative manchmal zu gering, statt Argumenten wird da vor
allem Lautstärke ins Treffen geführt. Dann, wenn er sich zu
ungemischtem Lob oder zu vernichtendem Tadel herausgefordert
fühlt, wenn seine Begeisterung sentimental ist und sein Tadel
polemisch, operiert Reich-Ranicki mit sprachlichen
Versatzstücken, die austauschbar und nichtssagend wirken. Weil
in Momenten überschwänglichen Lobs ein etwas kraftmeierischer
Vitalismus und eine hausbackene Erotik durchschlagen, wird
gerade deshalb in Momenten der Polemik seine stets latente
Theoriefeindlichkeit deutlich, seine Forderung, dass man zuerst
zu leben, und dann erst zu schreiben habe; und manchmal sinkt
dann das Niveau seiner Schriften bis in die Niederungen eines
populistischen Anti-Modernismus. Es sind wohl auch diese Züge
seiner Kritiken, die ihn hin und wieder dazu verführen, aus der
Kritik von Literatur eine Show zu machen, sie in ihrer
mündlichen und visuellen Form zu einer Art Fernseh-Spiel
verkommen zu lassen, zu einer, in Wirklichkeit sprachlosen,
Pantomime kunstrichterlicher Gebärden.
Dass er sein kunstrichterliches Amt kompromisslos ausübt,
unterscheidet Reich-Ranicki aber positiv von den meisten
indezisiven, halbherzigen Kritiken, die gar nicht auf die
Ansichten ihrer Verfasser schliessen lassen oder nur auf
unredliche Absichten, die mit dem Überlebenskampf im
Literaturbetrieb zu tun haben. Auf wohltuende Weise fremd ist
ihm auch falscher Respekt, die falsche Frömmigkeit vor berühmten
oder kanonischen Schriftstellern, also das, was er einmal,
glaube ich, Kritik auf Knien nennt. So wird sein kritischer Sinn
weder durch den Namen, noch durch die schon existierenden Werke
eines Schriftstellers eingeschläfert, er versucht wenigstens,
jede Arbeit nach deren eigenen Masstäben zu beurteilen. Manchmal
kratzt er sogar an Denkmälern wie etwa an Goethe, versteigt sich
dann und wann zu einzelnen pointierten Provokationen an grossen
Geistern, die allerdings diese Denkmäler eher noch befestigen.
Denn seine Provokationen ermöglichen weniger fundamentale Kritik
als das wohlige Gefühl, dass auch die Grossen kleine Schwächen
haben.
Reich-Ranicki vermeidet also die gröberen Formen
säkularisierter Hagiographie, die im deutschen Sprachraum so
üblich sind, obwohl auch er dazu neigt, die Person des
Schrifstellers zu überschätzen und vielleicht deshalb - und mit
einer seltsamen dialektischen Volte - überrascht und gerührt
ist, wenn er - etwa in den Tagebüchern Thomas Manns oder
Tucholskys - Menschen wie Dich oder mich entdeckt, mit den
üblichen Fehlern behaftet. Häufig verbucht er dann diese Fehler
als ihr Menschliches auf ihrer moralischen oder ästhetischen
Habenseite. So zerstört er gerne die Legenden von der
Unantastbarkeit der Schriftsteller, nur um über ihre
Antastbarkeit gerührt zu sein. Nun, wahrscheinlich glaubt Reich-
Ranicki, dass es uns, dem Publikum, aber auch ihm selbst,
leichter fällt, das zu ertragen, was er Genie nennt, wenn wir
etwas aus dem Leben solcher Genies erfahren, das aus unserem
eigenen Leben stammen könnte. Womöglich glaubt er, dass es uns
allen so geht wie Rameaus Neffen, der sagt: "Erfahre ich etwas
aus ihrem Privatleben, das sie herabsetzt, so lausche ich mit
Vergnügen. Das bringt uns einander näher. Dann ertrage ich meine
Mittelmässsigkeit leichter." Dass er, wohl im Zusammenhang mit
dieser, allerdings ambivalenten, Überhöhung der Person des
Schriftstellers, das Biographische nicht nur weit überschätzt
und manchmal allzu unvermittelt mit der Bedeutung des
literarischen Werks gleichsetzt, sondern dass ihm auch der
Gedanke allzu fern liegt, die Möglichkeit solcher unvermittelten
Gleichsetzung könnte auf Mängel des Werks hinweisen, ist einer
der wesentlichen Aspekte seiner Befangenheit gegenüber den
Formen der Literatur, in denen der Masstab des Biographischen
wenig oder nichts zu messen findet.
Wenn Reich-Ranickis Sprache auch häufig etwas bieder und
glanzlos wirkt, ihre Klarheit, Einfachheit und Lakonik gar zu
nüchtern und ordentlich, wenn sie andererseits auch hie und da
zum Journalistisch-Saloppen tendiert, schliesslich dann und wann
auch rhetorisch-aufgedonnert und pathetisch auftrumpft; wenn es
ihr an jenem spekulativen Schwung mangelt, der etwa seinen
Vorbildern Schlegel und Novalis, aber auch noch Benjamin oder
Adorno so selbstverständlich eignet, wenn von deren
dialektischem Entwickeln von Gegensätzen bei Reich-Ranicki in
vielen Fällen vor allem das etwas grobschlächtige Behaupten von
Oppositionspaaren übrigbleibt, ein oberflächliches Koinzidieren
von Oxymora und Antithesen: dann hat das alles wohl mit der
ausgeprägt didaktischen Komponente seines Schreibens zu tun.
Reich-Ranicki will Literatur einem Publikum vermitteln und
dieses Publikum unterhalten, er sieht die Aufgabe des Kritikers
pragmatisch, und er erlegt sich damit vielleicht eine Art von
Selbstzensur auf, deren Arbeitshypothese lautet: Es gibt immer
eine einfache Weise, etwas Komplexes auszudrücken. Reich-Ranicki
schreibt eben für Zeitungen, und Zeitungsleser wollen auch dann
nicht überanstrengt werden, wenn sie mit ihrer Lektüre im
Feuilleton angelangt sind.
Es ist da bezeichnend, dass er in seinen Bemerkungen über
Literaturkritik in Deutschland Goethes bekannte Forderung, dass
der Kritiker mehr um des Autors als um des Publikums willen zu
urteilen habe, so schlecht versteht und als Versuch eines
Dichters missdeutet, die Kritik dazu zu überreden, seine
Interessen zu vertreten. Wenn Reich-Ranicki auch glaubt, dass
Kritiken um der Literatur willen geschrieben werden sollen, so
glaubt er doch auch, dass Kritiken vor allem mit Blick auf das
Publikum geschrieben werden sollten, und "dass somit die Frage,
ob auch der Autor aus der Kritik seinen Nutzen ziehen könne, von
durchaus nebensächlicher Bedeutung ist". Die Macht des
Widerspruchs aber, der sich häufig zwischen dem Blick auf das
Publikum und dem entwickelt, was um der Literatur willen gesagt
werden sollte, unterschätzt er notorisch.
Und es ist diese falsche Einschätzung, die in seinen Urteilen
über lyrische Dichtung so besonders deutlich wird: Wie er
überhaupt dazu neigt zu versuchen, die Literatur für das
Feuilleton zu domestizieren, ihr, vielleicht skandalös,
Ganz-Anderes, dem literarisch durchschnittlich gebildeten Leser
"seriöser" Zeitungen zu ersparen oder zu verschleiern, so neigt
er um so mehr auch dazu, die lyrische Dichtung zur Paraphrase
feuilletonistischer Weltanschauungen zu reduzieren. Und wohl
deshalb nimmt er vor allem jene Formen lyrischer Dichtung wahr
und würdigt sie kritischer Betrachtung, deren Schwäche gerade
darin besteht, dass sie solcher Betrachtung entgegenkommen.
Die Rücksichten, welche Reich-Ranicki auf das nimmt, was ihm als
Publikum, als der gebildete Leser, vorschwebt, haben also ihren
Preis. Das Resultat jahrzehntelangen journalistischen Lebens ist
eben eine bestimmte Art von déformation professionelle.
Überspitzt gesagt: Was in dem Sinn kompliziert und exzentrisch
scheint, dass es im Feuilleton nicht einmal paraphrasiert werden
kann, kann auch keine Literatur sein, die es wert ist, dass man
von ihr kritsches Aufheben macht. Einigermassen hemdsärmlig wird
das anscheinend Komplizierte und Exzentrische mit dem Gestus
dessen abgeschmettert, der sich nichts vormachen lässt.
Der Wunsch aber, der sich in mir erhebt, Reich-Ranicki möge
Kritiken unabhängig von Zeitungen oder anderen öffentlichen
Gelegenheiten schreiben, der Wunsch, er möge sein
Kritiker-Handwerk zu einem l'art pour l'art oder l'art pour
l'artist läutern, dieser Wunsch ist beinahe völlig sinnlos und
weltfremd. Denn die öffentliche Rolle Reich-Ranickis, die Rolle,
die er der Literaturkritik zuschreibt, und seine Schreibweise,
ja seine Persönlichkeit sind nicht voneinander trennbar. Hier
hat ein Mann seinen Stil gefunden und ein Stil seinen Mann.
Öffentliche Rolle, Temperament und Schreibweise stimmen völlig
überein. Und das ist sowohl einer der Gründe dafür, dass
Reich-Ranicki gerade auf Menschen so überzeugend wirkt, die
sonst mit Literatur wenig im Sinn haben, als auch dafür, dass
seine literarische Weltanschauung, sein Begriff von Literatur
und ihrer Kritik, einseitig und beschränkt ist und für ihn
selbst nicht hinreichend reflektierbar. Ist auch das Bild der
Literatur, das für Reich-Ranicki massgebend ist, nicht
schlichtweg falsch oder unbrauchbar, so hat dieses Bild doch
einen Rahmen, also seine Konstruktion bestimmte Voraussetzungen.
Es bezeichnet nur eine Form des Umgangs mit Literatur oder
stellt nur ein Moment eines umfassenderen Begreifens und
Beurteilens von Literatur dar. Dass dieser Rahmen, diese
Voraussetzungen für die Konstruktion jenes Bildes Reich-Ranicki
entgehen, macht manche seiner Kritiken zu wenig mehr als zur
unfreiwilligen Darstellung seiner eigenen blinden Flecken.
Alles in allem: Reich-Ranickis Popularität und sein
Kritiker-Papsttum sind nur ein halbes Missverständnis, genau wie
sein Literaturbegriff nur auf einen Teil der Literatur nicht
fruchtbar anwendbar ist. Und damit meine ich: In seinen Kritiken
und in ihrer Rezeption verkörpert sich eine der Kräfte der
Literatur, allerdings allzu selbstverständlich und wohl auch
selbstherrlich und blindlings.
*
Die kritische Haltung Reich-Ranickis hat auch eine historische
Wurzel, die in seinen Schriften immer wieder durchschlägt: die
Aufklärung. Mit der Aufklärung fordert er die Nähe der Literatur
zu Kritik und Argument, aber auch zur Moral. Kritik und Argument
aber haben sich nicht zu weit vom Common sense zu entfernen,
denn der Common sense, und damit auch die allgemein übliche
Sprache, sind ihm der Masstab für jegliche Vernunft. Der
vernünftige Common sense und die Realität, die dessen Sprache
angeblich unmittelbar wiedergibt, sind für ihn der Klartext, der
durch die Literatur durchscheint, sie sind ihm die ursprüngliche
Schrift eines Palimpsests.
So klärt sich in Reich-Ranickis Schriften die Aufklärung nicht
hinreichend über sich selbst auf, die Dialektik der Aufklärung
wird nicht weit genug getrieben. Und gerade das zeigt sich im
Umgang mit Texten, welche den geläufigen Begriffen des
Vernünftigen zu spotten scheinen. Alle die Fehler einer
Aufklärung, die nicht ihr höchstes Niveau erreicht und die
August Wilhelm Schlegel in seiner Schrift Kritik der Aufklärung
beschreibt, kann man auch in Reich-Ranickis Schriften finden;
und was Friedrich Schlegel in seiner Schrift Über die
Unverständlichkeit so ironisch zu deren Gunsten zu sagen weiss,
muss Reich-Ranicki wohl verschlossen bleiben.
Es mag mit seiner durch den Common sense geprägten Vorstellung
von Unverständlichkeit zu tun haben, dass er in seinen Polemiken
gegen den Avantgardismus diejenigen, die behaupten, dass
Literatur nichts als Sprache sei, verdächtigt, "sich zum
willenlosen Medium geheimnisvoller Mächte zu degradieren, einem
trüben Irrationalismus Vorschub zu leisten und zu einer
Mythologie beizutragen, die nur Verwirrung stiftet". Nicht, dass
die Behauptung, die Literatur sei nichts als Sprache, besonders
erhellend ist, dass sie mehr als polemischen Wert besitzt. Aber
könnte man sie, statt in ihr nichts als den Ausdruck eines
verderblichen Irrationalismus zu sehen, nicht auch als Hinweis
zu einer Aufklärung über die eigenen Mechanismen des Verstehens
begreifen; zu einer Aufklärung über die Mechanismen, die dazu
verführen, die Sprache um jeden Preis als eine Art Spiegel zu
sehen, der die Realität wiedergibt? Besteht der Irrationalismus
beim Gebrauch von Sprache nicht sehr häufig eben darin, diesen
Sprachgebrauch unmittelbar mit der Realität kurzzuschliessen?
Hätten doch mehr Deutsche die Prosa Adolf Hitlers als nichts als
Sprache verstanden, und nicht als Beschreibung der Wirklichkeit
ausserhalb ihrer!
Reich-Ranickis Kampf gegen das, was er als Überbetonung des
Sprachlichen versteht, führt auch dazu, dass für ihn nichts
schlimmer als die Auffassung ist, Literatur sei eine Art von
Welt- oder Wirklichkeitsschöpfung. Der radikale Autonomie- und
Totalitätsanspruch des sprachlichen Kunstwerks, und damit auch
das idealistisch-spekulative Moment der Ersten Romantik der
Brüder Schlegel und des Novalis, dieses Fundament der Moderne,
müssen ihm fremd bleiben. Manche seiner Invektiven gegen den
Modernismus oder die Avantgarde werden von daher verständlich.
In seinen Forderungen an die zeitgenössische Literatur hallt
jener Realismus-Begriff nach, der im deutschen Sprachraum seit
ungefähr 1840 eine der massgeblichen Kräfte darstellt; dass
dieser Realismus-Begriff leicht mit einer Kritik der Romantik
verbunden werden kann, ist spätestens seit Karl Immermanns Roman
Die Epigonen bekannt, aus dem jedenfalls eine Kritik an der
Bezuglosigkeit der Romantiker zu einer angeblich historisch
objektiven Wirklichkeit herausgelesen werden kann. Die
moralischen Forderungen, die in dieser Kritik enthalten sind,
kehren in so gut wie allen Programmen und Reflexionen zum
Realismus wieder, etwa auch in Thomas Manns bekannter Definition
des Romans als realistisch-demokratisch, einer Definition, die
in ihrer zweifelhaften Vermengung von ästhetischen, politischen
und eben auch moralischen Kategorien Reich-Ranickis Kritiken
zugrundeliegen könnte.
Häufig jedenfalls suggeriert Reich-Ranicki, dass die Anerkennung
der Realität für den Schriftsteller und den Leser eine
moralische Angelegenheit sei, gewissermassen seine Pflicht.
Allzu fern liegt ihm die Einsicht, dass die Moral einer
Dichtung, wenn man denn von einer solchen sprechen will, in
ihrem ästhetischen Gelingen läge; allzu fremd ist ihm der
Gedanke, dass das Übel schon in dem liegen könnte, was für
wirklich gehalten wird oder auch für Sinn oder für Moral; allzu
wenig ahnt er von der Möglichkeit, dass im Feld des Ästhetischen
die falsche Anpassung schon damit beginnt, dass Wirklichkeit
nicht in flagranti als Konstruktion ertappt wird, dass wir
jedesmal die ästhetische Erbsünde aufs Neue begehen, wenn uns
diese Welt einfach unterläuft.
*
Ich berufe mich deshalb in meinem Versuch so häufig auf die
Brüder Schlegel und Novalis als Zeugen für eine andere als
Reich-Ranickis Auffassung von Literatur, weil er sich in seinen
Kritiken häufig auf sie beruft, so als könnte er sie ohne
weiteres zu Zeugen für seinen Umgang mit Literatur machen. Ich
will mit diesen Zeugen aber nicht unterstellen, dass die
Auseinandersetzung, die ich behaupte, vor allem eine zwischen
der Romantik und der Aufklärung oder dem Realismus sei. Es geht
mir überhaupt nicht in erster Linie um eine Rekonstruktion der
historischen Wurzeln dieser Auseinandersetzung, sondern vor
allem darum, den systematischen Ort zu umreissen, der sich in
Reich-Ranickis Kritiken äussert, also um die Beschreibung und
Bewertung eines kritischen Systems durch die Konfrontation mit
einem anderen. Wenn ich dennoch dann und wann auf
Literaturhistorisches rekurriere, dann deshalb, weil es so etwas
wie einen Resonanzkörper bieten kann, der manche Züge jener
Auseinandersetzung deutlicher hörbar machen soll.
Reich-Ranickis Kritiken sind viel systematischer, als er ahnt
und wissen will; seine Form literaturkritischer Vernunft hat so
viel Methode wie nur irgend ein Wahn. Dass er selbst das
Systematische häufig als für den Kritiker schädliche
Befangenheit bezeichnet, verschlägt dabei nichts. Das ist nur
die bezeichnende Geste des antitheoretischen Pragmatikers, der
seine Theorieblindheit damit bezahlt, dass er von bestimmten
Annahmen geleitet wird, ohne es wahrzuhaben.
Ich werde also versuchen, einige Voraussetzungen und
Eigenschaften von Reich-Ranickis Kritiken deutlich zu machen;
Voraussetzungen und Eigenschaften aber, die ich als
symptomatisch ansehe: in ihnen zeigen sich Züge unseres Umgangs
mit Literatur und auch mit Sprache überhaupt; und in ihnen
verkörpert sich auch beispielhaft die selektive Wahrnehmung und,
damit zusammenhängend, die selektive
Literaturgeschichtsschreibung, zu deren Auswirkungen eine
Rezeption von Literatur gehört, durch deren Rost das
Aussergewöhnliche und Andersartige häufig unbemerkt fällt.
Demnach geht es mir auch nicht in erster Linie um eine Kritik an
einem sehr bekannten Kritiker, schon gar nicht darum, ihn
polemisch zu bekriegen, ihm, wie das schon manchmal geschehen
ist, anhand seiner Schwächen Kompetenz grundweg abzusprechen.
Wenn es hier überhaupt um Marcel Reich-Ranicki geht, dann vor
allem um den Reich-Ranicki in jedem von uns, wenn man will (und
um einen der Reich-Ranickischen Hausgötter zu paraphrasieren),
um den Bruder Reich-Ranicki. Denn ich bin nicht so naiv zu
glauben, dass die empirische Person Reich-Ranicki für das Klima
der Kritik und vor allem für die kritischen Masstäbe in
besonderem Mass verantwortlich ist. Seine Texte zur Literatur
sind eben ein Symptom für etwas, für eine Tendenz, die ich nicht
nur in mir selbst deutlich fühlen kann, sondern die überhaupt in
den meisten Auseinandersetzungen mit Literatur vorherrscht.
So fasse ich meinen Aufsatz auch als den Versuch eines Dialogs
auf, des Dialogs mit einer Kraft, auf deren
ästhetisch-gerechtfertigte, also ihrem ästhetischen Gewicht
entsprechende, Entfaltung es mir ankommt. Literatur, wie auch
ihre Kritik, sollten, scheint mir, der Versuch sein, jene
ästhetische Gerechtigkeit her- oder darzustellen.
Wenn ich dabei dennoch das, was ich für die Fehler von
Reich-Ranickis Kritiken halte, auf Kosten ihrer Vorzüge zu sehr
betone, so halte man mir zu Gute, dass es mir ja gerade um das
in der Literatur und ihrer Kritik geht, was ich nicht nur in
seinen Kritiken, nicht nur in seiner Beschäftigung mit Literatur
unterrepräsentiert sehe.
Ich erlaube mir hier, Reflexion und Kritik von Literatur
weitgehend mit Rezensionen einzelner literarischer Werke
gleichzusetzen: einerseits, weil Reich-Ranickis Texte als Kritik
und Reflexion von Literatur aufgefasst werden können, ja auch
als Bruchstücke seiner und zugleich der Geschichte der deutschen
Literatur, und andererseits, weil Literaturkritik im Sinne
ästhetischen Urteilens und ästhetischer Reflexion heute, wenn
überhaupt, vor allem anlässlich von Rezensionen einzelner
literarischer Werke stattfindet.