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Illusion und Wirklichkeit


Helmut Eisendle über Gerhard Jaschkes neue Kurzprosa bei Sonderzahl

Ist es der Fleiß, der einen Schriftsteller prägt und ihm Ruhm verleiht oder ist es das, was er anstrebt, doch aber aus dem Dilemma der Existenz nur zum Teil erreicht ?
Gerhard Jaschke schreibt viel, leitet einen Verlag und gibt eine Zeitschrift von bedeutsamer subkultureller Attraktivität, deren 100ste Nummer jetzt erscheint und es ist keine Ende zu befürchten. In seinem letzten Buch: Illusionsgebiet Nervenruh, Kurzprosa bei Sonderzahl, scheint er dort angelangt zu sein, worauf er sich wohl immer schon in seinen Arbeiten fixiert hat oder was sich in zahllosen Antworten auf die Fragen: Bildet die Sprache Wirklichkeit ab oder ist sie nur ihr eigener Spiegel, ergibt.

Der lachende Donner
Leicht Dahingesagtes oder einfach falsch verstanden ? Ein Hörfehler ? Überall wird etwas aufgeschnappt, läßt denken, etwas weiterspinnen, dient dem Nächsten, den Nächsten, den Gewächsen ... Ein Verhörer da, ein Verleser dort, ein Satzbrocken, ein Wortvulkan, ein Buchstabenhaufen: Das kann ja alles vorkommen. Wir wollen nicht protzen. Sein Donner lacht.

Nicht die Umwelt, die große Politik, die Ökonomie beeinflussen das kleine Selbst des Menschen, das immer wachsen möchte, nein, es ist die Sprache selbst, die Einfluß nimmt. Und die Reaktionen der Menschen auf die prägenden Einflüsse wirken ihrerseits auf die Umwelt zurück. Eine ständige Wechselwirkung.
Mit spritzigem Witz behandelt Jaschke in der Kurzprosa ein Thema: Die Verweigerung der Wirklichkeit im Namen der Sprache. Oder er könnte der Behauptung unterliegen: Die Sprache führt eine ständige Revolte gegen die behauptete Wahrheit der Realität.

Beförderung 2
Das soll also das Leben sein. Ein ewiges Dahinrasen, Hetzen, nur ja keinen Termin versäumen, alles in Ordnung halten, sich um keine Verantwortung drücken. Exzerpte suchen, manchmal Rosinen aus dem Kuchen kratzen. Jahreinjahraus in beschämender Unterdrückung. Kleinweis zerstückelt.

Bücher sind dazu gemacht, unseren Irrtümern Namen zu geben, wurde einmal behauptet. Welchen Namen ? Illusionsgebiet Nervenruh. Sicher. Lügen beruhigen, auch wenn sie auf Freudschen Versprechern aufgebaut sind. Ein Spiel mit Lügen und Irrtümern. Wahrheit ist doch die beste Lüge ?
Die Weisheit: die Sprache ist ihr Gebrauch und nicht ein Werkzeug für allfälliges, trifft auf vieles der Literatur zu, wird aber bei Jaschkes Texten offenbar, gerade weil er die Funktion des Sprachgebrauchs zu seinem Thema erhoben hat. Gerade dadurch sollte man den Witz seiner Texte nicht überschätzen, sondern auf das Dahinter achten. Dann könnte man schnell bemerken, daß sich hinter der Orientierung an der sprachlichen Wirklichkeit, die gemeinhin das Kriterium für Gesundheit ist, eine tiefere und weniger augenfällige Pathologie verbirgt: die des „normalen“ Verhaltens, die Pathologie der Anpassung als Folge der Preisgabe des kleinen Selbst.
Jaschke spricht von einer Art von „Gesundheit“, die Henry Miller einmal so beschrieben hat: Wir sind so gesund, daß, würden wir uns selbst auf der Straße begegnen, wir uns nicht erkennen würden, weil uns ein Selbst gegenübersteht, das uns erschreckt.

Gerhard Jaschke, Illusionsgebiet Nervenruh, Kurzprosa, Sonderzahl, Wien 1997
ISBN 3 85449 121 2


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