Ich bin Klischee


© Viktor Sanders

Irgendwo habe ich gelesen, dass die schrittweise Abkehr vom Gegenständlichen für das Gemälde in letzter Konsequenz den Tod bedeutet. R. meinte, dass im Mythos der abstrakten Malerei etwas Lächerliches und Erbärmliches läge. Abstraktion, sowohl in der Malerei als auch in der Literatur, ist kein Stil, sondern die Möglichkeit, sich auf das Essentielle zu konzentrieren, losgelöst vom Vorwand des Inhaltlichen.

Ich schreibe einen Einakter, Titel: "Audrey Hepburn hat sich die Haare blond gefärbt." Ich arbeite an der Schlussszene, in der die Hepburn mit Marilyn Monroes plastischem Chirurgen durchbrennt. Die hatte ich gestern skizziert. Ist auch schon irgendwie vorbei.

Mein Manifest ist eines der absoluten Freiheit. Mein Ekel vor jeglicher klebriger Kategorisierung, mein Grauen, in eine spezielle Vorstellung gepresst zu werden, was ein Schriftsteller zu sein hat, wie er aufzutreten hat, welchen Themen er sich zu widmen hat, ist abgründig.

Es gibt keinen diesbezüglichen Kanon, nichts darf sich Regeln unterwerfen, das sich als offenes Experiment abspielt. Nur dies verkörpert die einzig uneingeschränkte Freiheit der Meinung, wenn nämlich auch die Art und Weise, in der sie geäußert wird, Subversion ist. Ausschließlich dann besteht die Chance einer Entwicklung. Selbst die unbedeutendste Kritik, egal ob gut oder schlecht, stellt schon eine Beeinflussung dar. Fragil kriecht das Geschöpf, das frischgeborene Geschaffene, es vegetiert sensibel, verletzlich, schwach, ahnt stets die Gefahr, sich in masochistischen Mutmaßungen zu zersetzen.

Ich habe lange mit mir gehadert, ob ich mir etwas zulegen sollte. So etwas wie einen Glauben an Gurus, Weltschöpfer oder an gar nichts, grundsätzlich hatte ich mich da noch nicht entschieden. Oder an eine Parole, für oder gegen Atomkraft, Basisdemokratie, Globalisierung oder die Waffenindustrie. Eine Topfpflanze wollte ich auch mal haben, die hätte ich beim Verkümmern betrachten können, das wäre vielleicht launiger, als der Verrottung politischer, religiöser oder weltanschaulicher Ideale zuzusehen. Ich wohne übrigens jetzt nicht mehr dort, wo ich früher gewohnt habe, als ich es noch mit dieser Suche hatte, nach einer gangbaren Form eines Glaubens, an irgend etwas, meinetwegen an fußschweißabsorbierende Nanofasersocken.

Glaube, sanfte Stimme wie Lee Marvins wandering star: "Hallo, du."
Ich werfe mir Nanofaser über (schützt bekanntermaßen auch vor Glaube), erwische gerade noch die Hand von Fußschweiß, lasse mich hinterher schleifen, murmle: "Danke." Man hat ja so seine Höflichkeitsfloskeln parat.
Letztes Eck nimmt uns heiter auf, ich akkomodiere mich zwischen den in Lumpen Gehüllten, denen Letztes Eck Zuflucht gewährt hat, ein leiser Hauch von Marihuana umwölkt den Trupp.

Manchmal sind meine Erinnerungen leer, ich verzweifle, denke mir, ob es das jetzt war mit meinem Ringen um das Wissen, was es auf sich hat mit allem. Ob die Selbstverständlichkeit, mit der sich die Resignation hinterrücks anschleicht, sich nun auch meiner bemächtigt hat, schulterzuckend übergebe ich das Los der Welt dem Säurebad der Selbstvernichtung.
Leere (die aus meinem Kopf): "Gewöhn' dich dran, geht allen so."
Ich will irgend etwas erwidern, geht aber gerade nicht (weil leer).
Publikum verlässt schlurfend den Saal: "Ziemlich leer, die Dialoge."
In mir schreit es: "Ihr Hohlköpfe!" (hohl, weil leer, hach!)
Ich werde doch nicht eure Leere mit meiner Lehre füllen.
Lehre: "Streich das, du Versager, solche Wortspiele sind blamabel."

Auszug aus einem Interview, erschienen in der Literaturzeitschrift "Grenzbereiche":

Reporter: "Viktor Sanders, Sie sind Autor, Eigentümer, Herausgeber und Verleger des periodisch erscheinenden Druckwerks ‚I wanted to tell them more about it'."
Ich: "Na ja, irgendwie zutreffend."
Reporter: "Was bezwecken Sie mit Ihren Texten?"
Ich: "Nichts. Ich schreibe nur so rum."
Reporter: "Und was?"
Ich: "Sachen."
Reporter: "... äh ..."
Ich: "Und Zeugs."
Reporter: "Sachen und Zeugs?"
Ich: "In der Tat, so ist es, ich fühle mich verstanden, ein schönes Gefühl. Ich schreibe Sachen und Zeugs."
Reporter: "Sie sind also Kunstschaffender."
Ich: "Streichen Sie das mit dem ‚Ich fühle mich verstanden.'"
Reporter: "... äh ..." Reporter: "Sie meinen da wohl den Kunstmarkt." Reporter: "Aber von irgend etwas müssen Sie doch leben, man hat doch auch Ausgaben."
Ich: "Meine Finanzen gehen Sie nichts an, Sie Wurm."
Reporter: "Tschuldigung." Reporter, ratlos: "Danke für das Gespräch."
Ich: "Das war kein Gespräch."
Reporter: "Wie jetzt."
Ich: "Sie haben mir blöde Fragen gestellt und ich habe Ihnen blöde Antworten gegeben. Sowas nenne ich nicht Gespräch."
Meine abschließende Frage, ob er an Hämorrhoiden leidet, wird nicht gedruckt, ebenso wenig seine Antwort.

Ich experimentiere mit Fäkalausdrücken, Vulgaritäten, Flüchen und Sexualvokabular, komme mir nicht einmal radikal vor, die Zeiten sind vorbei. Ich schäme mich, darauf reingefallen zu sein. Verweigerung war schon immer der erste Schritt. Wenn mir etwas nicht gefällt, lehne ich es ab, egal ob eine Alternative existiert oder nicht. Bedauerlicherweise sind die Möglichkeiten des Ausweichens tatsächlich äußerst beschränkt.

Wichtig scheint folgendes zu sein: dass aufgekocht wird. Ein unerfreulicher Jamie-Oliver-Verschnitt konkurriert mit dem anderen, wie man noch entarteter mit dem überzüchteten Unmaß an Nahrungsmitteln umgeht, medial zurecht gegart für ein Publikum, dem auch gar nichts zu dümmlich ist, um damit den Überdruss zu kaschieren. Ich zücke vorsichtshalber schon mal Schlachtermesser, putze mir damit die Fingernägel.

Schlachtermesser: "Das mit mir ist aber auch keine Lösung."
Ich: "Mir doch egal."
Dennoch will ich keine Rückkehr zu früher. Alle sagen, früher war's besser. Wenn alle das sagen, dann haben alle sich falsch entschieden, als alle das Früher gegen das Jetzt eingetauscht haben.

Ganz kurz etwas über die Faszination der geschriebenen Sprache: Ich bin ihr hörig, auf ewig, ich liebe das Gedruckte, ich vergöttere es.
Sprache: "Sprache kommt von Sprechen, du Sackgesicht."
Ich: "Und Drucken kommt von Dreck?"
Das Unabdingbare des Geschriebenen, Gedruckten, es macht mich zittern. Gesprochen verpufft das Wort im Nichts, das Festhalten verleiht ihm Bedeutung, der ich mich beuge, bedingungslos.

Standpunkte müssen offenbar mit Verve vertreten werden, sonst sind sie keine. Sonst verlieren sie sich in der Belanglosigkeit. Ich beobachte: eifrig breitgetreten, entwickelt sich ein Standpunkt zum Standfleck, zum Schandfleck. Die dimensionale Ausdehnung des Punktes zum Fleck hat was Schlitzohriges an sich, denn ein Punkt hat per definitionem keine Ausdehnung, er ist nulldimensional. Das gibt der bizarren Entschiedenheit einer Breittretung ein neues Gesicht.

Folgendes lese ich und möchte sofort alles ändern: "Nichts ist so kostbar wie deine Persönlichkeit. Nichts ist so spannend. Nutze dieses Potential." Als ich sehe, dass die Anzeige für Slipeinlagen wirbt, halte ich an mich.

Ich will mein Leben lang an der Idee des geistigen Wachstums festhalten und meine Ideale gegen Konventionen, Widerstände und Vorurteile umsetzen, auch in meinem Werk. Dadurch erschaffe ich meine Virtualität, ein Counterpart zur mich umgebenden Absurdität. Ich bestehe auf absoluter Authentizität und damit verbietet sich jegliches Geschichtenerzählen schon einmal von selbst. Sobald ich nicht arbeite, beginnt das Nichts.

K. ist Literaturkritiker und sagt mir, dass es für ihn nichts Ermüdenderes zu lesen gäbe als das Werk eines Autors, der von der Anstrengung berichtet, sein Werk zu erstellen. Ich hasse K. dafür. Weil die Quintessenz des Schreibens immer der Kampf mit dem Schreiben selbst ist.

Die Unbekümmertheit der anderen macht mir zu schaffen, obwohl ich weiß, dass sie von Geistesarmut herrührt.

Während ich unterwegs war, hatte ich damit kokettiert, den Gedanken an eine Rückkehr zu streichen, das gelang mir naturgemäß nicht, denn womit man sich gedanklich beschäftigt, um nicht daran zu denken, das kann man nicht loswerden. Ich war also, obwohl unterwegs, immer noch zu Hause, ich kam mir dadurch kleinbürgerlich vor. Angekommen und zu Hause (mir widerstrebt das Wort) frage ich mich, während mir Nachrichtensprecher Wortkaskaden aus Fernsehen und Radio entgegenwerfen, ob ich irgend etwas Anwendbares empfinde, das Richtigkeit aufweist oder eine Atmosphäre heraufbeschwören könnte, die mich gütlich stimmt. Ich frage mich, ob ich meine Verachtung nicht einfach als ungeheuerliches Werkzeug nutzen sollte. Mein Hohn ist mein Alles, meine Krücke, meine Nische, die sich in alberner Verzweiflung ergeht, strampelnd und strauchelnd nicht weiß, wie diese Gerätschaft einzusetzen wäre.

Immer wieder überfällt mich ein dubioses Begehren nach sozialen Kontakten, ich will meine Zeit mit anderen verbringen, quäle mich aus meiner Zurückgezogenheit hervor und treffe Menschen. Mehrere Stunden sitze, rede, frage und antworte ich und währenddessen trommeln meine Finger, ich komme mir untätig vor, leide ob des Gefühls der Zeitverschwendung. Eine ständige Unruhe brodelt in mir, ein unablässiges Drängen. Ich ärgere mich über mein einfältiges Bedürfnis nach Leutseligkeit, bis jemand beiläufig etwas sagt, anregend, inspirierend, und die Betörung der Geselligkeit überhand nimmt, mich austrickst und mir rückblickend meine Kümmerlichkeit vor Augen führt.

Es geht mir darum, das Menschliche zu erforschen, ich will dahinterkommen, warum Menschen tun, was sie tun, ich möchte entschlüsseln, warum ich tue, was ich tue. Dabei wird die Frage der Unschuld und der Rechtfertigung zum Hauptthema. Mir geht mein Gerede um Authentizität schon auf die Nerven, was denn sonst als authentisch bin ich, mit meinen Versteckspielen vor mir selbst gleichermaßen wie vor anderen, selbst da bin ich nur ich, niemand sonst. Es gibt nichts Nichtauthentisches, jedes menschliche Agieren ist zutiefst menschlich, ist Zeugnis des Menschlichen schlechthin. Ich begebe mich auf die Suche nach meiner eigenen Authentizität und ich lande bei Rechtfertigungen, warum ich tue, was ich tue. Oder ich finde ein Fragezeichen, weil ich nicht die mindeste Ahnung habe, was mich letztendlich dazu treibt, Dinge tu tun, zu sagen oder zu unterlassen. Vielleicht ist es meine Unschuld, die ich mir so wie jeder andere auch bewahren will, vielleicht ist das Verlangen nach Unschuld das Authentischste.

K., Literaturkritiker (wie gesagt), will mich in ein Gespräch über die Schuld-Unschuld-Frage verwickeln, ich sehe ihm eine Weile dabei zu. Er lehnt sich mit einem wissenden Lächeln zurück, nimmt seine Hornbrille ab, hält sie an dem Bügel, schlenkert sie ein paar Mal sacht hin und her, dann setzt er sie wieder auf. Blättert in seinem Notizbuch, auf der Suche nach Schwachstellen in meiner Rechtfertigung. Er spricht milde mit mir, aber ich fühle mich gelöst, entspannt, ich weiß ja, dass nichts meines Gesagten oder Geschriebenen Bedeutung hat, dass es seine Aufgabe ist, eine geeignete Stimmigkeit dafür zu finden. Wäre er ich, wüsste er um die Unmöglichkeit, auch nur einen vernünftigen Satz über das Schreiben zu schreiben. Er wetzt dezent auf seinem Sitz herum, mir liegt auf der Zunge, auch ihn nach einem Hämorrhoidalleiden zu befragen, ich tue es nicht.

Als Künstler stellt man sich ständig der Frage, was dieses Streben und Drängen auslöst, warum man dem Schaffen ausgeliefert ist, als einzig gültigem Lebensinhalt. Sachen erschaffen, die andere als absurd oder im besten Falle als genial bezeichnen, die Spannbreite ist groß. Nichtkünstler würden nie auf die Idee kommen, ihre Zeit mit der Schaffung solcher Dinge zu vertun, egal, ob sie Talent haben oder nicht. Dem Wesen des Künstlers ist Talent sowieso vollkommen egal, willenlos dem Schaffen unterworfen, hat er in seinen Augen ohnehin kein Talent, weil nichts, das sich im Kopfe abspielt, jemals eins zu eins auf Papier oder Leinwand gebracht werden kann, das ist die tägliche Grausamkeit, die nie zu verdrängende vernichtende Antwort.
Talent: "Ich bin eine altgriechische Währung."
Ich poliere Schlachtermesser, spiegle mich in der blanken Klinge. Kein Talent, also auch kein Geld, denke ich und sage wichtigtuerisch: "Und eine Maßeinheit für Wasser, du Hydrocephalus." Meine gezierten Doppelsinnigkeiten ermüden mich.

20. November 2008. Alle Rechte vorbehalten. Viktor Sanders.


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