Levoca - abseits der Sehenswürdigkeiten


Reisebild aus der Zips in der Slowakei

© Thomas Northoff

Exkursionstag: Samstag, 30.11.2002

Das "normale" Andere zu sehen, zu beschreiben und mit dem "normalen" Eigenen zu vergleichen war mein Bestreben für diesen Tag, an welchem von 31 ExkursionsteilnehmerInnen sich 30 in der Uhrzeit geirrt hatten und zu früh aufgestanden und abgefahren waren, um nicht mehr geübte Volkskultur zu studieren. Doch im Ernst: Ich versuchte das von mir verschuldete Pech in eine Chance umzukehren, nämlich in jene, mich mit dem heutigen Alltag der Menschen von Levoca so gut vertraut zu machen, wie dies in einem Tag für einen Orts-, Landes- und Sprachfremden nur möglich ist. Die geringe flächenmäßige Ausdehnung Levoca`s erwies sich dabei als günstig.

Neben dem innerhalb der Stadtmauern befindlichen Stadtkern, der Altstadt, besteht Levoca aus drei weiteren dicht besiedelten Kernen, die in Luftlinienweite direkt an die Altstadt anschließen und auch aufgrund der Topographie der Gegend nur unwesentlich von ihr entfernt liegen. Ich bezeichne das Viertel, welches ich zerst aufsuchte als das linke Viertel, was meint, dass es von dem von den ExkursionsteilnehmerInnen bewohnten Hotel aus gesehen – dieses liegt fast am höchsten Punkt der sich leicht abschüssig erstreckenden Altstadt –, den Hauptplatz bergabblickend, links der Stadtmauern beginnt.

Ich verbat es mir, den vorhandenen geraden Gassenverlauf zum Ende der Altstadt einzuschlagen und näherte mich diesem so, dass ich jeweils Kreuzungen berührte, von denen aus ich eine andere, schon früher gequerte Kreuzung ausnehmen konnte, um das Dazwischenliegen wichtiger oder auffällig frequentierter Punkte besser einschätzen (von zwei Blickrichtungen her) und diese dann rasch und zielgerichtet anpeilen zu können. Noch in der Altstadt fanden sich mehrere winzige Vorgärtchen vor ebenerdigen oder einstöckigen Häusern. Zwar ist Ende November schon eine irreguläre Zeit für den Gedeih von Zierblumen, allerdings boten die mit Gemüse dicht bewachsenen kleinen Grünflächen wenig Raum für Zierblumen. Wo die Erde nicht schon zur Winterrast vorbereitet war, standen noch zahlreiche Kohlpflanzen – verschiedene Sorten, darunter sogar rosafarbene -, deren reichliches Vorhandensein weniger auf GärtnerInnenfreude als auf behüteten Bestandteil der Nahrung der BewohnerInnen schließen lässt. Nicht der einzige Hinweis auf materielle Armut der BewohnerInnen, wie noch zu beschreiben sein wird.

Nichtsdestotrotz waren eine erkleckliche Anzahl von Wirtshäusern (Hostinec) und sogar einige "Supermärkte" zu entdecken. Besonders letztere machen mit kleinen Sandwichständern auf den Gehsteigen auf sich aufmerksam, auf denen vermutlich überhaupt vorhandene Waren und Sonderangebote angeschrieben stehen. Auch für den Fremden erkennbar: Borowicka (ohne Mengenangabe) 159,90 SK. Die meisten der solcherart beworbenen Geschäfte kann man erst nach Durchschreiten eines Hausflurs und manchmal noch eines Hofs betreten. Ohne eigens darauf zu achten, entziehen sich diese Läden dem West-Menschen-Bewusstsein, das sogar zu Bäckereien und Fleischereien Portale aus falschem Marmor und sich automatisch öffnende Türen gewöhnt ist. Nur wenige Geschäfte machen mit kleinen Lichtreklamen auf sich aufmerksam. Diese zeigen zumeist die Emblematik einer Westprodukte erzeugenden Firma und schlagen sich optisch mit dem Aussehen der Häuser bzw. der durch den abfallenden Verputz dringenden Bausubstanz und dem Zustand der Gehsteige und Fahrbahnen, entlang derer die Häuserzeilen stehen.

Das Bild, welches Interieur und Gäste der Wirtshäuser dem Fremden eröffnen, gleicht demjenigen, das beispielsweise noch in ganz wenigen "echten" Beiseln etwa in Ottakring zu finden ist. Es ist nur um eine Schicht Grauschleier reicher und um viele fettleibige Menschen ärmer. Es handelt sich um kleine, ziemlich finstere Gaststuben mit drei bis sieben Tischen und einem Schankteil. Auch vom Publikum her ein ähnliches Bild wie in Teilen Wiens (und dort nicht nur an einem Samstag-Vormittag): In jedem Gastraum sitzen ein oder zwei Männer je allein an einem Tisch und scheinen mit nach einem fernen Inneren gerichteten Blick über dem Schnapsglas zu brüten (In Wien: Wein- oder Bierglas verbreiteter.). Ein anderer Tisch ist meist von einer Gruppe Männern besetzt, die Gespräche führen. Die Gäste in den fünf Wirtshäusern, in die ich schaute, waren ausnahmslos Männer, die Wirtsleute hinter der Schank – bis auf eine Ausnahme – ebenfalls. In zweien der Lokale hatte sich je eine Gruppe von vier Personen an der Schank versammelt, sich lautstark unterhaltend, mit (auch hier das Wiener Bild) je einem Wortführer, der seine Ausdrucksweise durch wiederholtes Aufklatschen mit der Hand auf den Tresen unterstrich.

Als Beobachter muss ich betonen, dass ich kein einziges Mal durch direktes Betreten des "Feldes" eine Verfälschung der Situation herbeigeführt hatte, sondern bei mehrmaligem Vorbeigehen durch die Fenster, durch offene Türen und zweimal durch von weggehenden Gästen halboffen gelassene Türen schaute und hörte. Als Haupttrinkmittel in diesen "Einheimischen-Wirtshäusern" konnte ich der Trinkgefäße wegen Schnaps identifizieren, wie ja bereits an den Vortagen in von ExkursionsteilnehmerInnen aufgesuchten Lokalen der "gehobeneren Kategorie" in geringerem Maße ersichtlich war. Ein weiteres Lokal dürfte ein nur von Rom-Männern besuchter Ort gewesen sein, in dem es jedoch nicht anders aussah oder zuging.

Überquert man am unteren Ende des historischen Stadtteils die Hauptstraße und passiert in einer Linkskurve ein paar in Gärten gelegene Häuschen von jenem Typ, den wir in Österreich als ganzjährig bewohnbare Schrebergartenhäuser bezeichnen würden, erschrecken einen die achtstöckigen Plattenbauten, etwa zehn an der Zahl, mit jeweils mehreren Stiegeneingängen, die hier am Rande einer wenige hundert Meter langen Landschaftsmulde erbaut worden waren. Alsbald fällt hier dem West-Menschen die vergleichsweise geringe Zahl fahrender oder geparkter Autos auf.
Obwohl schon an den kleinen Stadtmauer-Toren der Altstadt zu bemerken war, dass der FußgeherInnen-Wechsel in und vom linken Teil der Neustadt ein reger ist, war nun in diesem neuen Teil das Ziel der meisten Menschen, die sich außerhalb der Häuser bewegten, ein niedriger quadratischer Neubaublock, in dem sich ein Geschäft neben das andere reiht, und in dem sich weiters die in diesem Stadtteil anscheinend einzigen beiden Lokale befinden. Auch dort sitzen nur Männer, das Personal jedoch besteht aus Frauen. Hier sind die Fensterscheiben in Auslagengröße, aber in den Gasträumen ist es nur wenig heller als in den kleinfenstrigen Wirtshäusern der Altstadt. Allerdings herrschte draußen trübes Regenwetter.

Die meisten Personen suchten Supermarkt, Fleischerei und Trafik auf, wobei anzumerken ist, dass trotz Vorhandenseins einer Trafik in unmittelbarer Nachbarschaft Tabak und Zeitungen auch im Supermarkt erhältlich sind. Bis auf den Beobachter befanden sich im Supermarkt, inclusive des offensichtlich interesselos umherlungernden Personals, ausschließlich Frauen. Allgemein ist festzustellen, dass es vornehmlich Frauen sind, die in Stoff- und Nylonsäcken Esswaren tragen. Sie gehen auch schneller als die Männer, wiewohl bei beiden Geschlechtern der Erwachsenen und Jugendlichen die Gehgeschwindigkeit auf den Straßen dieser Stadt langsamer ist als jene beispielsweise in Wien. Dennoch führen zwischen den Blöcken der Sozialbau-Anlage zahlreiche ausgetretene Pfade durch die Rasenflächen, die gegenüber den regulär angelegten Asphaltwegen als Abkürzungen fungieren und von Erwachsenen wie Jugendlichen gleichermaßen benützt werden.
In Bezug auf die Geschlechter ist möglicherweise die Beobachtung von Belang, dass, soweit es die Begleitung von Kindern betrifft, auf der Straße Männer und Frauen etwa gleich stark vertreten sind, wobei kaum Männer mit Kleinkindern zu sehen waren.

An dieser Stelle wäre ein guter Einstieg, nochmals die Problematik dieser winzigen Feldforschung hervor zu heben: Es konnten naturgemäß nur Beobachtungen auf der Straße bzw. von der Straße weg (durch Fenster, auf Balkone) angestellt werden. Zusätzlich fiel der Beobachtungstag auf einen Samstag, der eben sicherlich typisch für samstags, aber möglicherweise völlig untypisch für den ganzwöchigen Alltag ist. Da aber die Arbeitslosenrate hierzulande und auch hierorts bedeutend sein soll, besteht hinwiederum eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass der Unterschied doch nicht zu krass ist.

Ein (jedenfalls subjektiv für den Beobachter) angenehmes Merkmal der Einwohnerschaft – und dies gilt für alle Stadtteile – ist die geringe Anzahl von Handys, die vermutlich von etlichen der ansässigen Personen als Mangel wegen Armut empfunden wird. Nur wenige Menschen führten auf der Straße ein Gespräch per Handy, und diese waren mehrheitlich ältere Jugendliche bzw. junge Erwachsene. Dabei ähneln sich die durch/bei dieser Tätigkeit auftretenden Situationen denjenigen, die auch in unseren Breiten oftmals mitzuerleben sind, wie zum Beispiel diese im linken Neuviertel von Levoca: Eine junge Frau geht ins Handy sprechend die Straße entlang und sieht sich wiederholt um. Aus einem Geschäft des Geschäfteblocks läuft ein junger Mann, auch er ins Handy sprechend. Er entdeckt die vorher erwähnte Frau, die schon etwa dreißig Meter an dieser Stelle vorüber ist. Nun ruft er laut nach ihr ins Handy. Die Frau eilt die dreißig Meter zurück, der Mann wartet. Beide kommunizieren noch über Handy, als sie sich bereits von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen. Dann verfallen sie in Gelächter und schalten ihre Handys aus.

Hinter den Sozialbauten, hügelan zur Hauptstraße, die neben der Stadtmauer verläuft, liegt der Friedhof von Levoce. Ein großes Gittertor war verschlossen, ein schmäleres, etwa hundert Meter weiter, war sogar verkettet. Sowohl durch den Zaun, als auch über die später folgende niedrige Friedhofsmauer war der Blick auf die Anlage frei: Grabhügel wie auf unseren Friedhöfen, jedoch liegen die Gräber, schien mir, weiter auseinander und es gibt markant weniger Grabumfassungen als bei uns. Hingegen erblickt man eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Grabsteine, deren Formen vom kleinen Quader bis zur dreieinhalb Meter hohen kannellierten Säule mit Kapitell reichen. Holzkreuze oder Schmiedeeisen-Arbeiten konnte ich im Blickbereich keine ausmachen, so wie ich der Entfernung wegen keinen zeitlichen Rahmen zwischen den ältesten und jüngsten Gräbern oder so etwas wie ein Durchschnittsalter der Verstorbenen ersehen konnte. Dasselbe gilt für Grabsteininschriften, die ich zwar nicht lesen, aber doch als solche identifizieren hätte können. Jedenfalls fielen die vielen Gräber auf, die mit weißen Schnittblumen bedacht waren. Ob es Brauch ist, die Grabhügel mit Blumen zu bepflanzen, ist im November aus der Entfernung nicht zu bestimmen. An kleine Becken für Blumenerde, wie sie bei uns oft an Grabsteinen mitgearbeitet sind, erinnere ich mich nicht.

Der Sozialbaubereich hat sein oberes Ende in Sichtweite jener Straße, über die der Exkursionsbus die Fahrt nach Bardjelew begonnen hatte, nahe dem großen Tor in die Altstadt. Dort bleiben auch öffentliche Busse stehen, und es ist hinsichtlich der Arbeitstage eine deutlich höhere Passagierfrequenz anzunehmen als sie der Samstag aufwies.
Bildete früher das steilere und geräumiger abfallende Gelände jenseits der Altstadt ein natürliches Hindernis gegen Feinde, so musste auf der linken Seite ein richtiger Schutzgraben entlang der Stadtmauer ausgehoben werden. Dieser führt heute kein Wasser mehr und ist an der Mauerseite streckenweise von einer Promenade aus Naturboden gesäumt, die auch betreten werden darf. Wie überall an abgeschiedenen Stellen üblich und wie auch hierorts aus den am Grasboden umherliegenden Rückbleibsel zu schließen, werden diese Stellen von Leuten als Rückzugsgebiete aufgesucht, die ihre große Notdurft verrichten, ungesehen zweisamer Sexualität frönen oder einfach nur Müll los werden wollen. Im Gegensatz dazu weisen die zerbrochenen Flaschen, verstreuten Kronenkorken und Zigarettenpackungen sowohl an der Innen- als auch an der Außenseite der Stadtmauern rechts der Altstadt auf die Verwendung dieser Orte als Punkte für menschenreichere Kommunikationsformen hin. Der Stadtwanderer befindet sich nun am Weg zum Stadtteil auf der rechten Seite des historischen Levoca.

Den Charakter eines heimlichen Ortes, der die linke äußere Stadtmauer prägt, konnte man auch daran erkennen, dass er – obwohl prädestiniert für großflächige Botschaften an die Menschen, die wenige Meter davor auf der Hauptstraße vorbeifahren - frei von Botschaften in Graffiti ist. Ganz anders nun hier zur Rechten der Altstadt: Hier scheinen sich unterschiedliche Gruppierungen zu versammeln, die für einander und auch gegen einander Botschaften an den Wänden hinterlassen. Man findet gesprüht und eingekratzt in die Häuserwände entlang der Stadtmauer Hakenkreuze genauso wie die in Österreich seit zwanzig Jahren nur mehr selten auftretenden Friedenszeichen. Ausführlichere verbale Botschaften dürften mehrheitlich rechtsgerichteten Inhaltes sein, wie die vielen Runen-S in den Wörtern vermuten lassen. Namen von Pop-Gruppen wie Sepultura lassen auf eine gewisse Vorliebe in Teilen des ehemaligen Ostblocks für Gothic-Rock schließen, wie ich sie schon in Brünn oder in Szombathely (Ungarn) bemerken konnte. Diese Präferenz wird im Westen den Grufties und den Satanisten zugeschrieben. Erkennbar ist: Der rechte Stadtrand ist ein Artikulationsplatz eines Teils der örtlichen Jugend.
Von der Stadtmauer aus kann man die rechts von der Altstadt gelegene neue Stadt überschauen, die aus etwa fünfzehn großen Wohnblocks in Plattenbauweise besteht. Dieser Stadtteil ist deutlicher von der Altstadt getrennt. Ein asphaltierter Fußweg führt in Serpentinen mit Spitzkehren steil abwärts. Er ist zweimal von terassenförmigen Anlagen unterbrochen, die vom Mobiliar her (ehemals Bänke und Kinderspielgeräte) einen schwer devastierten Eindruck vermitteln. An der dem Berg zugewandten Seite säumt den Weg eine übermannshohe Mauer zur Verhinderung des Abrutschens von Erdmassen. Sie ist in ihrer ganzen Erstreckung voll mit großen künstlerischen Graffiti, die fast alle Code-Namen als zentrales Element beinhalten. Als Hinweis auf eine vorhandene Sehnsucht oder Vorbild-Orientierung könnte ein Spraybild dienen, welches einen nach HipHop-Stil bekleideten jungen Burschen darstellt, der in der einen Hand die Sprühdose hält und betätigt, während er unter dem anderen Arm sein Skate-Board einklemmt. In den westlichen Ländern konstituieren sich die Skater zu eingefleischten Gruppen, die an für ihren Sport und ihre Ideologie günstigen Orten anzutreffen sind, wie in Wien beispielsweise im Resselpark vor der Karlskirche. Ihre Graffiti, wie "SK8 or Die", hinterlassen sie in der ganzen Stadt. Bezüglich Levoca jedoch erhebt sich die Frage, wo diese Jugendlichen ihre Tätigkeiten ausüben sollten. Die derzeit vorhandenen Geh- und Fahrwege eignen sich bestimmt nicht zum Skaten. Da aber besagtem Bild keine inschriftliche Mitteilung beigefügt ist, wurde so gesehen auch kein direkter Wunsch nach Skater-Einrichtungen formuliert.

Ohne in diesem Aufsatz das Graffiti-Thema gegenüber anderen Themen überstrapazieren zu wollen, kann festgestellt werden, dass Levoca ein reger Ort ist, was die Sprache an den Wänden anbelangt. Und es steht damit nicht allein, wie sich bei den kurzen Einblicken in die anderen Städtchen herausstellte. Auffallend aber ist die Erscheinung, dass der linke Stadtteil "Neu"-Levoca`s als fast graffitifrei bezeichnet werden kann. Das Gegenteil ist im gegenüber liegenden, beinahe doppelt so großen "Neu"-Stadtteil der Fall. Dorthin gelangt man, nachdem man am Fuße des Altstadtberges die Brücke über ein schmales, mit Unrat, Autoreifen und Matratzen versautes Flüsschen überschritten hat. Die achtstöckigen Plattenbauten sind an ihrer Basis mit Graffiti der Gattung "Tags" (= selbstentworfene Logos) übersät. Bei den verbalen Graffiti herrschen Liebesbotschaften vor. Und es gibt zahlreiche Hakenkreuze. Auch in dieser Anlage wieder die vielen Verkürzungswege zu den einzelnen Stiegenhäusern und zwischen den Blocks. Die Ähnlichkeit zur Anlage der linken Stadtseite ist deutlich. Auch hier die vielen Balkone bzw. Loggien, die mit zu trocknender Wäsche behängt sind. Da dies auch in den anderen Gegenden zu beobachten war, muss wohl das in unseren Köpfen gefestigte Bild, Wäsche auf Balkonen oder sogar zwischen Häusern sei ein Typicum südlicher Länder, revidiert werden.

Auch in diesem Stadtteil hat man einen niedrigen quadratischen Block hingebaut, in dem sich hauptsächlich Geschäfte befinden. Aus einem großen Lokal darin ertönte Punk-Musik. Die meisten Tische waren unbesetzt, um die anderen saßen nur junge Leute (ca.15h30). Was in dieser Wohhausanlage, im Gegensatz zu den anderen Stellen der Stadt, auffällt, ist die Fülle von PKWs sehr unterschiedlichen Alters. Sowohl der Parkplatz als auch die Ränder der Fahrwege waren beinahe lückenlos mit Autos besetzt. Dennoch herrschte reger Fußverkehr. Es ist schwer zu beweisen, doch meine Wahrnehmung war die einer größeren und zielgerichteteren Gehgeschwindigkeit der PassantInnen jeden Alters. Zudem sah ich seltener Menschen beisammen stehen und miteinander sprechen als in der sonstigen Stadt. Die Ausnahme bildeten drei etwa vierzig Meter auseinander liegende Hüttchen, in der Dimension etwa eines Wiener Würstelstandes, aus welchen durch ein Fenster hindurch gegen Bezahlung Getränke gereicht werden, zum Beobachtungszeitpunkt glaublich Alkoholika. An zwei Ständen standen plaudernd Männer, an dem dritten drei Frauen, ein Kind und zwei Männer. Am Ende der Anlage weitet sich ein geometrisch undefinierbarer schmaler Platz aus, auf dem eine jener Wellblechvorrichtungen steht, die in den Gegenden, die wir exkursionsmäßig durchkämmten, als Wartehäuschen für Bus-Passagiere dienen. Die Station und eine imaginäre Fortsetzung der Rückwand des Verschlages nach beiden Seiten bilden eine nicht gezeichnete Kulturgrenze. Zum einen ist es, als eröffne sich hinter dem Wartehäuschen eine ländlichere Welt, zum anderen als beträte man ein anderes Land. Dort bewegen sich die Menschen wieder langsameren Schrittes vorwärts, dort geht man in Gruppen und nimmt sich Zeit beim Plaudern stehen zu bleiben. Die Leute haben durchwegs dunklere Hautfarbe als in den anderen Stadtteilen, sind schwarzhaarig und scheinen, vom in kurzer Zeit gebotenen Bild geschlossen, kinderreicher zu sein. Es sind Rom.

In ihr Wohngebiet führt eine einspurige, rumpelige Straße. Am Rücken eines Hügelzuges, bzw. wie ich auf der Heimfahrt aus dem Bus aus anderer Perspektive erkennen konnte, an den der Stadt abgewandten Hängen dieses Hügelzuges, stehen etwa zwanzig neuerbaute ebenerdige und einstöckige Häuser je auf der Größe einer Grundfläche für westliche Durchschnitts-Einfamilienhäuser. Zwischen dieser Anlage und dem Platz mit der Bushaltestelle stehen in kleineren und größeren Abständen zur in einer Biegung hügelanführenden Straße Althäuser, die man bei uns als Kleinhäusler-Quartiere oder größere Ausgedingehäuser ansehen würde. Sie sind von der Straße her über Wege zu erreichen, die aus dem nackten, ausgetretenen Erdboden bestehen. Von außen betrachtet befinden sie sich eindeutig im Zustand des Verfalls. Auf der belebten Straße ging kein einziger Mensch allein. Männer gingen neben Männern, Frauen mit Kindern neben Frauen mit Kindern. Obwohl, was ich aus Zurufen schließe, manchmal die familiäre Zusammengehörigkeit offensichtlich war, gingen die Frauen immer in einem deutlichen Abstand hinter den Männern her. Wenn die Männer stehen blieben, taten dies auch die Frauen.

Zwar hatte ich vor, der Straße bis an den Hügelrücken zu folgen, doch wurde ich von Männern wie Frauen derart angestarrt, dass mich zusätzlich zum bereits eingetretenen Gefühl des Eindringling-Seins ein Gefühl der Unsicherheit beschlich und ich mich zur Umkehr entschloss. Ich weiß, dass ich mich hier nicht rechtfertigen muss, doch möchte ich wegen der abends (die Dämmerung begann bereits über dieser Straße) angesprochenen Furchtsamkeit sagen, dass ich durchaus in meinem Leben Aktionen geliefert habe, vor denen andere zurückgeschreckt wären. So besuchte ich beispielsweise 1982, illegal die grüne Grenze überschreitend, Stammesgebiete der Karen in Burma (hieß damals noch so), noch dazu als sich damals die Karen National Union und ein Stück weiter nördlich die Shan mit der burmesichen Regierung im Kriegszustand befanden. Eines aber habe ich im Laufe des Lebens gelernt: Ob aus berechtigten Gründen oder nicht, ob aus Übertragungen oder Vorurteilen heraus oder nicht, ob bei einer Prüfung aus Volkskunde oder beim unbefugten Vorstoß in ein Land, es geht leichter und böser etwas schief, sobald sich ein Gefühl der Unsicherheit einschleicht - sei diese definierbar oder nicht.

Der beim linken Stadtteil erwähnte FußgeherInnen-Verkehr als Wechsel in die Altstadt und zurück verläuft für den rechten Stadtteil anders. Kaum jemand wählt den kürzeren, aber steileren Weg über die Befestigungsanlagen. Dort waren mir insgesamt vier Männer und drei Frauen begegnet. Die Frauen waren bergan und mit Kinderwagen und Kleinkindern unterwegs, die Männer waren schwer betrunken und turnten eher bergab. Jedenfalls vertraten diese Leute Gruppen, die sich gerade auf so einem Weg schwer tun. Auf der Fahrstraße jedoch, die in einer langgezogenen Kurve ab besagter Autobushaltestelle in steter Steigung zum unteren Ende der Altstadt führt, bewegten sich diesem gut 80 PassantInnen zu oder kamen aus dessen Richtung. In Ermangelung eines Gehsteiges waren sie ständig vom Autoverkehr gefährdet. Unterwegs fiel mir (allerdings bei zunehmender Dunkelheit) auf, dass jene Menschen, die ich der Gruppe der Rom zuordnen würde, in der Wahl ihrer Anoraks und anderen Oberkleidungsstücken zu etwas kräftigeren Farben greifen dürften. Bei den Hosen der männlichen Rom und bei ihrem Schuhwerk (sofern nicht Joggingschuhe) dürfte Schwarz die vorherrschende Farbe sein.

Hinsichtlich der Kleidung der ansässigen Bevölkerung ist zu sagen, dass, wie fast überall, die Frauen ihrer Bekleidung mehr Aufmerksamkeit zuwenden als die Männer. Im Wesentlichen teilt sich die Bevölkerung in zwei Bekleidungsgruppen, die bei der Mehrzahl der Gruppenzugehörigen augenscheinlich mit deren materieller Lage zusammenhängen dürfte. Die größere Gruppe ist weit öfter durch alte und ältere Menschen repräsentiert als die zweite, kleinere Gruppe. Ihre ansonsten wahrscheinlich keineswegs eine homogene Einheit bildenden Mitglieder sind unauffällig gekleidet in einer Art, auf welche Begriffe wie schick, exquisit, protzig, reich nicht zutreffen. Dieser Teil der Bevölkerung spiegelt auch nicht das Bild der in den wenigen "modernen" Geschäften ausgestellten Textilien wieder. Menschen aus dieser Gruppe mit schmutziger Kleidung bin ich nicht begegnet.
In der zweiten Gruppe, die nach Kopfzahl kleiner und nach Bekleidungsart innerhalb der Gruppe differenzierter erscheint, herrschen Jugendliche und mittelalte Personen vor. Wenn man die "gewöhnlichen" Gaststätten ausnimmt, verkehrt sich in den Lokalen das Bild, da dort die VertreterInnen der zweiten Gruppe die Mehrheit stellen. Es sind die Mittelalten, die eher versuchen, so etwas, was im Westen als "elegant" bezeichnet wird, aufzuweisen. Diejenigen unter den jungen Erwachsenen, die sogen. Eleganz über die Kleidung zur Schau stellen, entsprechen meiner Ansicht nach auch im Habitus jenem Typ Mensch, der/die seinen/ihren Wohlstand den anderen gegenüber symbolisch ausstrahlen will. Die männlichen Vertreter dieser Spezies kommen dem Bild rasch und "clever" zu Geld gekommener Leute im Westen gleich. Neben dem dunklen Maßanzug mit Gilet ziert sie ein teurer Kurzhaarschnitt und jene Art von gepflegtem Dreitage-Lippen-Kinn-Bart, die oft wie aufgedruckt wirkt und eine "gepflegte" und dynamische Erscheinung vorspiegeln soll. Als persönliche Umrahmung verwenden sie Zweidamenbegleitung und Hotelrestaurants. Aber, wie schon erwähnt, sie kommen im Gesamtbild äußerst selten vor.

Auch bei den jugendlichen Vertretern der zweiten Gruppe, die hier die Mehrzahl stellen, jedoch das Gesamtbild der Jugend keineswegs dominieren, gibt es eine Anzahl von Männern, die sich durch Kurzhaarschnitt und Kürzestbart stilisieren. Bei ihrem körperlichen Outfit herrscht allerdings die Marke "Selbermacher" vor. Wohl aus finanziellen Gründen tragen sie zumeist nur ein Stück ihrer Bekleidung im westlichen Zuschnitt, zumeist das Hemd. Sie gerieren sich weit weniger blasiert als die Obgenannten und tragen öfter ein Lächeln im Gesicht. Sie dürften auch andere Geschlechtsgenossen neben sich vertragen, weil man sie zumeist in deren Gesellschaft sieht. Das Accessoire Flinserl sowie Tätowierungen kann man, wie in einem Jugendlokal beobachtet, an ihnen am öftesten beobachten. Jugendliche, die HipHopper-Hosen tragen fallen wegen ihrer Seltenheit auf. Ich begegnete um die Mittagszeit sehr vielen SchülerInnen im Alter bis ca. sechzehn Jahren. Dies wies nicht nur auf Samstag-Unterricht hin, sondern machte deutlich, dass es auch in Veloca die sehr jungen Leute sind, die sich durch ihre Kleidung von den Erwachsenen unterscheiden wollen. Sie tragen die buntesten Gewänder. Bei ihrer Fußbekleidung herrschen Jogging-Schuhe vor. Von einer daraus resultierenden Ausdehnung der Schweißfußverbreitung kann der am Alltag interessierte Volkskundler ungeprüft ausgehen.

In der Nacht zum Samstag verbrachte ich einige Stunden in der anscheinend einzigen Disco von Levoca. Sie hat weder DJ noch Licht- oder Soundeffekt-Einrichtungen. Mit zunächst dreien, später nur mehr einem Exkursionsteilnehmer saß ich unter einer wegen starken BesucherInnenwechsels (keine Eintrittsgebühr) zahlenmäßig nicht erfassbaren Menge äußerst alkohol- und bewegungsfreudiger Jugendlicher beiderlei Geschlechts. Dort fiel bei den Mädchen das Überwiegen schulterfreier Bekleidung auf, die im Falle von tatsächlichen Kleidern an Abendkleider erinnerte. So wie im Allgemeinen die Menschen in Levoca, waren auch die jungen Mädchen fast allesamt schlank. Der z.B. in Österreich seit langem geübte Brauch, keinen Büstenhalter zu tragen, ist in Levoca anscheinend noch nicht verbreitet. Die Burschen trugen am Oberkörper zumeist nur ein Leibchen, manche ein einfärbiges, einige eines mit Motiven aus der Pop-Musik, wie Gruppennamen und Bildern, die Popgruppen des Gothic-Genres für ihre Platten- bzw. CD-Covers mit Vorliebe verwenden.
Mehrere der Burschen bewegten sich wegen Trunkenheit bereits wackelig auf den Beinen und versuchten den Mädchen durch Lautstärke und ungestümer, aber selten erfolgreicher Zudringlichkeit zu imponieren. Dieser Vorgang läuft jedoch in den meisten nichtmoslemischen Ländern nach dem selben Schema ab, gleichwie das Phänomen der rührenden Kümmernis einzelner Mädchen um ihren betrunkenen Liebling, den sie irgendwann mit geduldigen Worten und der entsprechenden Vorsicht aus dem Lokal zu bugsieren versuchen. Mehrmals kamen solche Burschen ins Lokal zurück, doch nicht alle der fürsorglichen Begleiterinnen folgten ihnen dabei.
Kein einziges Mal konnte ich in Bezug auf Gewand irgendetwas erkennen, was auf traditionelle Tracht schließen hätte lassen. Nur einmal kreuzten sich die Wege einer sehr alten Faru mit Stock und mir. Mir kam vor, dass der Frau unter ihrem Kopftuch eine andere, von Spitzen gesäumte Kopfbekleidung knapp hervorlugte. Der Frau nachzugehen, sie zu überholen und ihr dabei gewissermassen unter den Rock zu sehen wäre mir bei aller Neugier würdeverachtend vorgekommen.

Sofern man aus den Beobachtungen eines einzelnen Tages Schlüsse ziehen darf, kann man sagen, dass Betrunkene in Levoca weder große Aufregung noch wirkliches Aufsehen erregen. Ein Beispiel: Als ich zu Mittag das Lokal Kulturhaus in der Altstadt zur Rast aufsuchte und dort eine gute Stunde verbrachte, erlebte ich dieses in dieser Zeit zwischen fast leer und fast voll (nicht ich, das Lokal). Die ganze Zeit döste am Tresen ein mittelalter Mann, den Kopf auf seine verschränkten Arme gebettet. Manchmal hob er den Kopf und brabbelte ein paar für alle Anwesenden vernehmbare Worte. Plötzlich krachte es laut. Der Barhocker lag am Boden und daneben der Betrunkene, der sich zwischen Fensterwand und Barverschalung zurechträkelte und im Liegen seelenruhig weiterschlief. Es sahen zwar die Gäste allesamt kurz hin, aber damit hatte es sich. Keine wichtigen Sanitäts-VolontärInnen und keine der Serviererin heimlich zugetane Helfer traten auf. An einem Tisch grinsten die Leute. Eine Frau, die den Mann zu kennen schien, setzte eine leicht betrübte Miene auf. Doch wurden die Gespräche nahtlos weitergeführt, man ließ den Mann, dessentwegen man bei uns schon Rettung und Polizei alarmiert hätte, ausschlafen, was m.E. wohl sozial-volkskundlich sowie dem Volksvermögen und der Volksgesundheit am zuträglichsten ist. Selbst die Serviererin, die nun bei jedem ihrer Gänge über den Mann drübersteigen musste, schien nicht erbost zu sein. Bei Schilderung dieses Vorfalls fällt mir auf, dass ich in ganz Levoca kein Gebäude passiert hatte, welches von außen als Spital zu identifizieren gewesen wäre. Auch bin ich an keinem Fußballplatz – in Gegenden mit geringem Wohlstand keine unwichtige Einrichtung – verbeigekommen. Wie insgesamt drei oder vier Male an den Vortagen, begegnete ich an diesem Samstag jedoch zwei oder dreimal Jugendlichen, die Schlittschuhe mit sich trugen. Einmal kam sogar eine Burschengruppe mit Eishockey-Schlägern des Weges. Dafür habe ich weder eine Deutung noch eine Vermutung. Vorausgesetzt meine Deutung der Schilder war richtig, entdeckte ich zwei Apotheken, mindestens eine Zahnarztpraxis und fünf Ordinationen für MedizinerInnen unterschiedlicher Fachrichtungen.

Hinsichtlich der Infrastruktur muss noch ein knapp außerhalb der Stadtmauer, visavis von deren Haupttor gelegenes Gebäude genannt werden, welchem sich eine etwa zehn Meter lange und knapp vier Meter hohe Mauer anschließt, auf der Stacheldrahtrollen aufliegen. Die Fenster des Gebäudes sind gesichert, ob mit Eisenstäben oder Gittern ist mir nicht mehr erinnerlich. Jedenfalls entspricht das Bild des Objekts völlig dem Klischee-Bild eines Gefängnisses. Es könnte aber ebenso eine kleine Militärkaserne sein.

Zum Abschluss mögen noch einige Splitter herhalten, um das Bild Levoca`s zu runden. Trotz des nicht nur im Vergleich zu Westländern verbreiteten niedrigen Wohlstands und wahrscheinlich auch Vorhandenseins ausgesprochener Armut, gibt es in Levoca, aber auch an den flächenmäßig allerdings sehr kleinen Stellen, an denen sich die ExkursionsteilnehmerInnen außerhalb Levoca`s bewegten, kaum Bettelei. Ein alter Mann, der seine Runden am Hauptplatz der Altstadt zog, wird wohl allen aufgefallen sein. Er sprach Leute an und hielt ein paar Münzen in der hingestreckten Handfläche. Ich begegnete ihm mehrmals, wurde auch von ihm angesprochen, sah ihn aber nie Einheimische ansprechen. Ebenfalls in der Altstadt, am Weg von der rechten Neustadt zurück, sprachen mich zwei Kinder, die ich als Rom-Kinder einschätzte, an, wollten zuerst wissen, wie spät es sei und forderten dann recht selbstsicher "Money". Da in den Altstädten die größte Touristendichte ist, werden diese auch international gern Ziel von Bettlern. Die Wahrscheinlichkeit, Spenden zu erhalten, ist dort am ehesten gegeben.

In das Grau des Stadtbildes mischen sich immer wieder weiße oder bunte Flecken, die sich aus der Nähe als Sticker oder mit Klebeband aufgeklebte Zettel erweisen, deren Inhalt ich nicht übersetzen konnte. Klar war, dass auf diese Weise vor allem bei öffentlichen Telefonen Taxi-Werbung, teils in Handschrift, angebracht wird und weiters selbst kopierte Ankündigungen von Musikereignissen. Man spart aber hier noch mit Papier und schneidet A4-Seiten noch in Teile.

Atmosphärisch faszinierend empfand ich die Stadtgeräusche. Obwohl Samstag war, gingen nicht wenige Menschen, ausschließlich Männer, mit Werkzeugen umher, die klimperten. Dies könnte ein Hinweis auf die Reperaturbedürftigkeit beispielsweise der Privatwohnungen sein, genauso aber andeuten, dass hier das Wochenende für Hilfs- oder Pfuscharbeiten genützt wird. Die Geräusche fallen einen in der Altstadt am meisten auf, da dort der hierorts ohnehin geringe Autoverkehr noch weniger Lärm macht.
Ein Geräusch, welches man bei uns selbst in Dörfern nur mehr selten hört, ist das typische Geräusch des Teppichklopfens, welches ich vor allem ab dem Abstieg zur rechten Neustadt oftmals wahrnahm. Unten dann kam ich an drei Klopfstangen vorbei, an denen Frauen dieser Tätigkeit nachgingen.
Ein viel gehörtes Geräusch ist das tiefe, kehlige Räuspern zum Zwecke der Schleimballung oberhalb des Rachens. Es wird in allen Teilen Levoca`s frei ausgeübt und dürfte nicht in einen negativen Verhaltenskodex fallen. Hingegen weist die Tatsache, dass trotzdem wenig gespuckt wird, wie man an den Räuspernden und am Boden ersehen kann, auf die Wahrscheinlichkeit hin, dass diesbezüglich ein allgemein anerkanntes ästhetisches Empfinden vorherrschen könnte.

Obwohl in der Stadt so gut wie keine Hunde zu sichten waren, konnte man bereits des Morgens ein von verschiedenen Stellen in der Weite hertönendes Hundegebell hören. Die Hundelosigkeit der Stadtteile wirkt sich auf den Fußgeher segensreich aus, weil man sich eher auf den ungewohnt löchrigen Wegen den Knöchel verstaucht als in einen Hundehaufen zu steigen. Besitzt jemand hier einen Hund, dürfte es mit seiner/ihrer Mentalität jedoch nicht anders bestellt sein als mit jener der HundebesitzerInnen in unseren Breiten. Ein Mann am Rande der linken Neustadt trimmte seinen Hund auf der Straße und überließ mit einer Selbstverständlichkeit sondergleichen die ausgekämmten Haarbüschel dem Wind. In der rechten Neustadt sah ich zwei junge Frauen mit einem anscheinend reinrassigen Schäferhund. Er bildete den Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit und erhielt ständig laute Befehle von ihnen. Dabei fiel interessanterweise ein deutsches Wort: "Pfui!". Hier wäre zu erwähnen, dass auch Wörter wie "He!" als Zuruf, oder "Ciao" als Gruß des öfteren zu vernehmen waren. Bei der Beobachtung eines Hochzeitszuges, der gerade ins alte Rathaus einzog, hörte ich bekannte Töne. Als sich der Zug auf Befehl eines geschäftigen Video-Filmers zu den Stufen des ehrwürdigen Baues in Bewegung setze, zerissen plötzlich Freudenrufe die Stille. Bei uns würde man diese Rufe als "Juchaza" bezeichnen. Doch gleich nach den von mehreren Männern ausgestoßenen Jauchzern folgten von Frauen Laute, die mir bisher nur aus Filmberichten über afrikanische und teils moslemische Länder bekannt waren. Ich vemag sie nur als lange Is zu beschreiben, die, während der I-Ton gehalten wird, durch Zungenschläge oder Kehlkopfbetätigung so rasch hintereinander durchbrochen werden, dass der Gesamtlaut zu einer Art trillernden I mit hochfrequentem Lachen wird.

Da am Ende meiner Privatexkursion schon die Finsternis über Levoca lag, hatte ich Gelegenheit hin und wieder einen Blick durch Fenster in stromerleuchtete Zimmer zu werfen. Da waren größere und kleinere Zimmer zu sehen, mit ein, zwei oder drei Personen drin, die sich von jenen etwa in österreichischen Dörfern mit alten Häusern wenig unterschieden. Vom schrägen Blickwinkel her kann ich über die Einrichtung der Räume nichts sagen. Fernsehapparate haben sichtlich noch nicht die Verbreitung gefunden wie bei uns seit Jahren. Sie dürften aber auch keine wirkliche Besonderheit mehr darstellen. An den Wänden der meisten Räume hängen viele Fotos und Bildchen, die Fotos, soweit im Vorbeigehen beurteilbar, dürften zum Gutteil noch handkoloriert sein.
Durch wenige geschlossene Fenster hörte man Musik, die nach moderner Folklore klang, wie man sie in ähnlicher, landesadäquater Art beispielsweise im österreichischen Rundfunk auf Regionalsendungen öfter hören kann. Wenige Male, und in diesen Fällen um ein Mehrfaches lauter, drang englischsprachige Pop-Musik der eher harten Art durch die Fensterscheiben. Zurück im Hotel setze ich mich in die dortige Bar, um mit meinen Notizen zu beginnen und der Rückkunft der Exkursionsgruppe zu harren. Daneben achtete ich auf die Fernsehreklame, die mir genauso blöd erschien wie im Westen, jedoch hierzulande, der materiellen Umstände der Mehrheit der Bevölkerung wegen, um einiges gemeiner. Für sicher halte ich es, dass ihre Auswirkungen in nicht allzulanger Zeit zu wertfrei gehaltenen volkskundlichen Untersuchungen Anlass geben werden.
Alles in allem war ich nun froh, als einziger mich nicht in der Aufstehzeit geirrt zu haben, denn ich hatte das Gefühl, an diesem Tage volkskundlicher unterwegs gewesen zu sein als die Aufgeweckten.


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