Besprechung der bei Hatje Cantz erschienenen Monographie







Ich bin in einer kleinen Stadt in den oesterreichischen Niederen Tauern aufgewachsen. Einmal abgesehen von der begrenzten Anzahl der Eindruecke, die eine kleine Stadt in den Bergen zu bieten hat, wurde ich als kleiner Bub von zwei kuenstlichen Objekten magisch angezogen. Es waren kleine dynamische Leuchtobjekte mit Firmenlogos, die jeweils in den Schaufenstern einer Drogerie und einer gegenueberliegenden Papier- und Schreibwarenhandlung an der staedtischen Hauptstrasse aufgestellt gewesen sind.
Ein weiterer Anziehungspunkt war ein im Schaufenster des oertlichen Radiohaendlers aufgestellter Fernsehempfaenger der am spaeten Nachmittag bis in den Abend hinein angeschaltet worden ist und das damals spaerliche TV Programm des ORF zeigte. Vor der Schaufensterscheibe und dem dahinter stehenden Geraet versammelte sich allabendlich wechselnde Gruppen Neugieriger. Das Medium ist die Botschaft, so heisst es, und das Medium wurde mit dem ihm eigenen Mitteln beworben. Ich musste da nicht hinlaufen, denn unsere Nachbarn waren stolze Besitzer eines TV Geraetes mit integriertem Rundfunkempfaenger und Plattenspieler, und so verbrachte ich meine Nachmittage und Sonntage bei den Nachbarn.
1963 verliess ich die Stadt, um nach Wien zu gehen, da gab es bereits eine Menge Leuchtreklame. Neonlicht wird in der Werbung ab den 30 er Jahren vorigen Jahrhunderts verwendet. Eine der ersten Leuchtreklamen wurden in der Neon City Las Vegas aufgestellt.
An einem kalten, nebeligen Novemberabend des Jahres 1963 las ich auf der Leuchttafel des KURIER, die hoch ueber dem Jonasreindl im Votivpark aufgestellt gewesen ist, die Headline von der Ermordung John Fitzgerald Kennedys in Dallas. Weitere Nachrichten wurden jeweils per Relais nachgeschaltet. Die Umstaende, wie ich zur ersten Information vom Tod Kennedys gekommen sind, sind mir unvergesslich.
Etwa ein Jahre spaeter fiel mir der Cover von Joycens Ulysses in einer naheliegenden Buchhandlung am Ring auf. Ich musste 14 Tage sparen, bis ich mir den Band leisten konnte. Joyce war einer der ersten Autoren, die Sinn fuer Strassenreklamen und Firmenschilder im modernen oeffentlichen Raum entwickelten.
Vor ihm traeumte um 1920 Fernand Leger, Filme und Lichtbilder auf Hauswaende und Strassenzuege zu projizieren. Das Spektakel des kuenstlichen Lichts, die Ueberschreibung und Belichtung des oeffentlichen Raumes war postuliert.
Spaeter, in den 50er und 60er Jahren kamen die spatio- und luminodynamischen Modelle von Nicolas Schoeffer hinzu. Das Bauhaus hat mit Laszlo Moholy Nagy und mit Herbert Bayer ebenso in den 20 er Jahren den oeffentlichen Raum auf neue visuelle und akustische Signaturen vorbereitet. Den Licht Raum Modulator, eine mobile Konstruktion aus unterschiedlichen Metallen, Kunststoff, Holz, angetrieben von einem Elektromotor, stellte Laszlo Moholy Nagy 1930 der Oeffentlichkeit vor.
Insgesamt, abgesehen von den Diktaturen, wird der oeffentliche Raum primaer mit Orientierungssystemen und Signalsystemen, im weiteren mit Produkt- und Unternehmenswerbung aller Art und erst in letzter Position mit kulturellen Nachrichten und Positionen ausgestattet.
Alles laesst sich mit den Neuen Medien verbinden. Die Neuen Medien gibt es, abgesehen von der damals in der Chemie wurzelnden Fotografie, seit die Elektrizitaet in der menschlichen Kommunikation als Quell-Source genutzt wird. Elektrische Medien sind keine Erfindung des 20.Jahrhunderts, ihre Geschichte wurzelt bereits im 19.Jahrhundert. Das ist wohl die wichtigste Position in der Trennung der klassischen Kuenste von denen der Moderne und deren Verlaengerung in die Zukunft.
Die Geschichte der Kunst im oeffentlichen Raum ist gewissermassen als Auseinandersetzung zwischen Werbung, wirtschaftlicher und machtpolitischer wie religioeser Manifestation, wie sich leicht am akuten Streit um Minarette im europaeischen Raum ablesen laesst, anzusehen. Es ist eine Geschichte der oeffentlichen Austragung von kontroversen Meinungen. Wichtige Botschaften der 68 er erschienen in Form von Schrift Graffitis an den Waenden der Sorbonne und in den Paris Strassen. Heute laesst sich kaum mehr eine Hauptstadt in Europa ohne Graffitis vorstellen.
Die Rebellen der 68 er Generation und ihr kuenstlerischer Zweig, die Situationisten hatten sehr schnell die Funktion der oeffentlichen Medien von der Zeitung bis zum TV durchschaut und wussten, dass mit gezielter Aktion und oeffentlicher Provokation ihre Botschaft ohne weiteres Zutun an die Massen herantragen konnten, so eine TV Kamera in der Naehe gewesen ist.
So ueberschreibt Jerry Rubin in seinem 1971 bei rowohlt erschienen Buch do it ein Kapitel mit Jeder Revolutionaer braucht einen Farbfernseher. Rubin bedankt sich bei Walter Cronkite, dass es er es gewesen ist, der ohne es zu wissen, die Revolte in Windeseile in alle Zentren und Winkeln der USA verbreitet hat. Cronkite war von 1962 bis 1981 Sprecher der Abendnachrichten von CBS.
Rubin ueber Cronkite: Walter Cronkite ist der beste Organisator der Rebellen. Onkel Walter praesentiert eine Karte der Vereinigten Staaten, auf der jeder Campus, der eines Tages in Rebellion ueberging, mit einem Kreis gekennzeichnet ist. Der Kriegsbericht. Jeder Student im Lande denkt: "Wow ! Wann erscheint endlich mein Campus auf der Karte ?" Das Fernsehen beweist die Richtigkeit der Domino Theorie: Faellt ein Campus, fallen alle.
Die Studenten und Studentinnen der Jetztzeit beduerfen nicht mehr des Fernsehens. Sie nutzen Blogs im WWW und das Handy mit der SMS Funktion.
Die Studentenrevolte war ein Medienphaenomen, sie zeigte wenig realpolitische Auswirkungen. Das ist Politikern wie Helmut Schmidt, Herbert Wehner und Rudolf Dutschke von Anbeginn an klar gewesen. Die oekologische Erosion und deren absehbare Folgen, nicht von ungefaehr ist in jener Zeit der Club of Rome gegruendet worden, zeigen sich in ihren irreversiblen Auswirkungen erst heute. Ueber die politischen Katastrophen, die damit in naher Zukunft verknuepft sein werden, moechte ich im Moment nicht referieren. Denis Meadows weiss um die Unvereinbarkeiten des fortgeschrittenen Zustandes, gegen den auch keinerlei Barfuss Oekologie etwas ausrichten wird. Meadows hat mit seinr Ansicht recht behalten, selbst wenn seine Einsichten fuer uns alle betrueblich sind.

Eine aktuelle, profunde Monografie zu Jenny Holzer mit Werken aus nahezu 20 Jahren - ein Muss für alle Fans der amerikanischen Künstlerin.
Seit über 30 Jahren steht die geschriebene Sprache im Zentrum des Schaffens der amerikanischen Installationskünstlerin Jenny Holzer (*1950 in Gallipolis, Ohio). Von Allerweltsweisheiten, den Truisms, bis zu Stimmen großer Intimität über die grausigen Realitäten unserer Gesellschaft reichen ihre Botschaften, die ihr politisches Potenzial und ihre formale Schönheit - auf Plakaten und T-Shirts, auf Parkbänken, LED-Anzeigentafeln, Laufschriftbändern oder mittels riesiger Lichtprojektionen - im öffentlichen Raum entfalten.
Mit Essays von Joan Simon und Elizabeth A.T. Smith, einem Interview mit der Künstlerin von Benjamin H.D. Buchloh sowie zahlreichen doppelseitig abgebildeten Werken gewährt die Publikation profunde Einblicke in das Werk Jenny Holzers von 1990 bis heute. (Englische Ausgabe ISBN 978-3-7757-2301-5)
Ausstellungen: Museum of Contemporary Art, Chicago 25.10.2008-1.2.2009 · Whitney Museum of American Art , New York 12.3.-31.5.2009 · Fondation Beyeler, Riehen/Basel 1.11.2009-24.1.2010
Ist Jenny Holzer imstande, politische und real wirksame Aufklaerung zu betreiben und die Massen zu bewegen und ihr Verhalten zu veraendern ? Ich denke nein. Sie ist zwar unuebersehbare Kunstschaffende in der Globalisierung von Kunst und Medien geworden, hat sich in der die Bilder- und Sloganflut von Marketing und Werbung signifikant erkenntlich durchgesetzt, so , dass sie selbst Andy Warhol beneiden wuerde, so er noch lebte. Die Kunst von Jenny Holzer ist ein virtuelles, aus Sprache und Licht gefertigtes Phaenomen Neuer Medienkultur. Virtuell wirksam, doch eben mit wenig realen Folgen. Jenny Holzer setzt faszinierende Fata Morganen in die Welt.
Holzer begann mit Wandzeitungen, an Bauzaeunen, Mauern affichierten A 4 Text auf einfarbigem Kopier Papier. Sie wandte eine Darstellungsform an, die uns in der chinesischen Kulturrevolution der 60 er Jahre bekannt geworden ist. In ihren kurzgefassten Aneinanderreihungen und Gegenueberstellungen von Saetzen, die einander entsprachen und widersprachen befasste sie sich zuerst mit einer Auslotung ihrer Person und ihrem Verhaeltnis zur Gesellschaft. Sie erinnert damit an die Sprachparadoxien und Doppelbindungen, die von Paul Watzlawick vorbildlich in seinem praegenden Standard Werk Human Communications . und an die doppelt oder mehrfach geknuepften Knoten von Ronald Laing. Sowohl Laing wie Watzlawick bearbeiteten das weite Feld der Kommunikation und der innewohnenden psychologischen ambivalenten Paradoxien und erweiterten damit den Koenigsweg der Worte des Sigmund Freud um wesentliche Dimensionen.


Spaeter wird Holzer ihre Meisterschaft in grossem Masstab in der Nutzung der Schrift in gross dimensionierten und ausgelegten Displays in virtuoser Beherrschung von Wahrnehmungszeit und Geschwindigkeit zeigen, die sie sowohl in den grossen Museen der Welt wie auch im oeffentlichen Raum zu installieren weiss. Ob sie die sprachlichen Fuegungen und Doppelbindungen ebenso virtuos beherrscht, moechte ich im Moment nicht entscheiden wollen. Dazu habe ich zuwenig Ueberblick ueber ihr persoenliches Sprachwerk.
Hinzu kommen gross angelegte Projektionen von Schrift indoors and outdoors, so u.a. auf die Oberflaeche der Engelsburg in Rom, in Florenz und in Duisburg. Ebenso Laufschrift Baender indoor in den grossen Museen der Welt, im Guggenheim und in Mies van der Rohes Berliner Nationalgalerie, und outdoors, so etwa in Pittsburgh.
Wer einmal ihre dahin sausenden Schrift-, Text- Wort- und Buchstabenbaender gesehen hat, wird die Kunst dieser Frau nicht mehr vergessen koennen. Diese Kunst ist zwar ganz im Sinne von Benjamin wiederholbar, wird aber nicht mehr von der Person und vom Namen Jenny Holzer zu trennen sein.
Alles in diese Richtung wird wohl in absehbarer Zeit als Nachahmung empfunden werden. Das musste auch die in Wien lebende Kuratorin zur Kenntnis nehmen, die oesterreichischen Literaten und Literatinnen in den 90 er Jahren das technische Medium der Lichtzeile, des Big Leds zur Nutzung stellte. Waehrend diese Dienstleistung in Wien als grossartige Innovation ausgegeben worden ist, war Jenny Holzer bereits laengst transatlantisch unterwegs.
Jenny Holzer laesst ihre Saetze und Worte in Marmor meisseln, um so der Vergaenglichkeit des Lichts zu entgehen. Jetzt malt sie bevorzugt vergroesserte Kopien von Dokumenten der CIA und der NSA, die ueber weite Sequenzen eingeschwaerzt worden sind. Diese Archive sind On-Line zugaenglich, jeder kann sich selbst ein Bild von ihrem Malhintergrund oder Maluntergrund machen.
Diese Bilder koennen willkuerlich der Kunstgeschichte zugeordnet werden, etwa Malevich in seiner suprematistischen Phase, dem spanischen Meister des Informells Antoni Tapies, mit seinen im puren Schwarz gearbeiteten Aussparungen oder dem Oesterreicher Arnulf Rainer, der mit grossen energetischen Explosionen ueberzeichnete und uebermalte, und so eine Art Kunst der Verdraengung wie der Verzeichnung geschaffen hat.
Jenny Holzers ready text mades koennen aber auch als Verschwaerzung und Ausblendung wichtiger Informationen angesehen werden, denn wo die immer anonym bleibenden Typen von CIA und NSA den schwarzen Filzstift eingesetzt haben, muss etwas von Bedeutung gestanden haben, dass es, aus welchen Gruenden auch immer, zu verbergen gilt. Man kann allerdings auch beliebig schwaerzen, und so Desinformation treiben und in die Irre fuehren. Diese Vorgaenge am Rande von gerade noch erkennbarer Information geraet Jenny Holzer zu einer Kunst der Anschwaerzung obrigkeitlicher Methoden. So laesst sich ueber einiges nachsinnen, was man ansonsten nicht bedenken wuerde, obwohl es nur mehr die Gedanken im eigenen Kopf trifft, fuer die Jenny Holzer bloss einen Impuls gesetzt hat.
Diese Ambivalenz unterschiedlicher Zuordnung, einander divergierender Supposition ist fuer die Holzersche Widerspruechlichkeit der von ihr angewandten Semantik charakteristisch.
Ich nehme an, dass Jenny Holzer insgesamt mit ihrem Werk neben Warhol einen gleichwertigen Rang in der Neuen Medien Welt einnimmt, der sich aber so nicht wie im Falle Warhol am Kunstmarkt niedergeschlagen hat. Waren Christo und Jeanne-Claude ueber einen langen Zeitraum weltweit die bedeutensten Verpackungskuenstler, so ist Jenny Holzer weit auf dem Weg zur bedeutensten Belichtungskuenstlerin fortgeschritten.



















Fuer andere ist das riskante Spiel in aller Oeffentlichkeit und mit der oeffentlichen Meinung empfindlich schlechter ausgegangen. Ich habe gerade heute ein e-mail bekommen, in dem mir anonym mitgeteilt worden ist, dass Helmuth Seethaler verhaftet worden ist und im Gefaengnis sitzt. Der Zettelpoet hat in Wien vergleichbares unternommen wie Jenny Holzer mit ihren Wand- und Mauer Botschaften. Er hat ab den 80 er Jahren Gedichtzetteln zum pfluecken in Wiens U-Bahnstationen auf Klebebaendern bereitgestellt. Die Wiener Linien liessen ihn ueber Jahrzehnte hinweg verjagen und andauernd verklagen. Seethaler erwies sich jedoch als notorischer Wiederholungsaktivist. Jetzt ist der in die Jahre gekommene Prop Lyrics Zettler offensichtlich nicht imstande, die ausstaendigen Ordnungsstrafen zu bezahlen. Ergebnis: Haft ! An ihm ist die Hoffnung offensichtlich vorbei gegangen, obwohl er die von ihm bereit gestellte Website www.hoffnung.at genannt hat.


Google ueberrascht die Welt permanent mit neuen Funktionen. Google sammelt mehr Informationen über Internetnutzer als jedes andere Unternehmen. Ab sofort werden Suchergebnisse sogar ohne Zustimmung der User "personalisiert", so berichtet SPIEGEL On-Line. Goggle liegt mit der halben Welt im Urheberrechtsstreit. Google sammelt ungefragt Kunst. So Sie den Namen Jenny Holzer in Google eingeben, serviert Ihnen die Suchmaschine Ergebnisse der Bildersuche nach Jenny Holzer. So erscheint eine umfangreiche Bildersammlung aus den Tiefen des WorldWideWeb. Bei Anklicken eines Einzelbildes erscheint ein verkleinertes Bild mit dem Klick VOLLBILD, und anschliessend die Vorwarnung Das Bild ist moeglicherweise urheberrechtlich geschuetzt Dann gehts gleich weiter zur Website, von der das Bild stammt Im Folgenden finden Sie das Bild unter: www.xyz.usf. Offensichtlich weiss Google selbst nicht, wie die Urheberrechte verteilt sind. Immerhin, sie bieten die Bilder an, sind sich aber selbst im unklaren ueber deren freie Nutzung. Kluge Kuenstler und Kuenstlerinnen werden es zulassen. So steigern sie ihren Bekanntheitsgrad. Ich nehme an, das weiss auch Jenny Holzer.