Electronic Media - Electronic Journal - Review

Die Entwicklung einer Kontur


Franz Krahberger

Production concret Media on the way





















































Das Babylon Projekt

the.net

Interview von Andrea Rosenauer mit Franz Krahberger vom 2003-08-19 (Wien)


ROSENAUER: Herr Krahberger, Sie zählen zu den Pionieren im Bereich Literatur im Netz. Das elecronic journal literatur primaer, das ja nicht einmal Ihr erstes Projekt war, ist nun seit 1995 im World Wide Web und war davor schon über verschiedene Mailboxes abrufbar. Könnten Sie ein wenig darüber erzählen, was für Sie der Grund war, warum Sie das elektronische Medium als Trägermedium ausprobieren wollten?

KRAHBERGER: Es gab mehrere Gründe. Der erste Grund war meine Konfrontation mit einem Apple. Das war eines der ersten Geräte, ein Plus, und ich hatte das Gefühl, das wäre ein gutes Multimediagerät. Da war hierzulande die Vorstellung von Multimedia noch nicht wirklich da. Ich weiß nicht wirklich genau, wie weit man damals in den USA war, glaube aber, dass man in der Entwicklung nicht so weit auseinander war. Der Technologietransfer hat insgesamt sehr rasch stattgefunden. Ich hatte dann die Idee, ein elektronisches Buch zu machen, auf Diskette, und habe eine Ahnung gehabt, das könnte ein neues Medium sein, eine neue Distributionsforum, und auch der multimediale Aspekt, die Verbindung von Ton und Text war ein auslösendes Moment.

Dann habe ich auch die ersten Theorien mitbekommen, damals, von Vilem Flusser, dem Medientheoretiker. Er und McLuhan, der mir schon aus den 70er Jahren bekannt ist ("Die magischen Kanäle" sind 1970 das erste Mal auf Deutsch erschienen), haben hier die Vision einer veränderten neuen Kultur gehabt. Die Sichtweise von Flusser war eigentlich sehr radikal, weil er davon ausgegangen ist, dass diese Entwicklungen das Ende der Sprache bedeuten würden. Während McLuhan noch gesagt hat, das sei das Ende des Buches, hat Flusser gemeint, man könne überhaupt keinen Text mehr schreiben. Das habe ich schon sehr in Zweifel gezogen, aber es ist ein nicht unbedeutender Hintergrund der Medienszene, die nicht unbedingt auf Sprache aus ist.

Ich wollte ganz einfach in diese Richtung etwas tun, und als sich dann die Möglichkeit geboten hat, im Literaturhaus, an diesem Box-System mitzumachen, habe ich mitgemacht. Es gab dann einen Konflikt mit dem sysop [System operator], weil ich damals (3 Jahre nach der "Wende") in dieser Leiste eine Mitteilung aus der FAZ zum Schriftstellerverband der SED und Wolf Biermann im Wortlaut veröffentlicht habe. Ich wurde daraufhin aus dem Netz geworfen...

ROSENAUER: Wegen Verwendung eines Originaltexts aus einer anderen Quelle oder wegen des Inhalts?

KRAHBERGER: Dezidiert wegen des Inhalts. Ich hatte genau fünf Minuten Zeit mich zu verteidigen, in denen ich nur 3 Zeilen schreiben konnte... Mein Bewusstsein war daher von Anfang an sehr geschärft in Bezug auf die Aussage, im Netz sei alles frei. Ich wollte mich danach nicht mehr arrangieren und bin zu alpin.or.at gegangen. Das war eigentlich eine US-Implementierung in Salzburg. Die Vorträge dort hat jemand von der University of Washington gehalten, so hatte man auch immer recht gute Fachinformation. Der Mann aus Washington hat nachher das Netz in Thüringen aufgebaut... Es ist auch interessant, wie hier das Netz von amerikanischer Seite implementiert wurde, weil das Netz ja für die Amerikaner eine sehr große Bedeutung in allen Bereichen hat. Globalisierung ohne Internet wäre nicht undenkbar, aber das Internet ist gewiss ein nicht unwesentlicher Teil der Globalisierung.

Ich war auch bald über "the thing" vernetzt. "Thing" wurde von Helmuth Marx gegründet. Es war auch einer der ersten BBS-Knoten in Wien, vor allem im kulturellen Bereich. Dieser Bereich war eigentlich der Schrittmacher, natürlich die Wissenschaften zuerst, aber die Kultur-Betreiber waren ganz vorne mit dabei.

Eine Weile ließ ich beide Netzwerke parallel laufen, aber dann habe ich Salzburg aufgegeben, weil die den EUnet-Server in Wien dicht gemacht haben und man sich in Salzburg einwählen musste. Ich habe das ein bis zwei Monate ausprobiert, aber dann waren die Telefonrechnungen 6-7000 Schilling, sodass ich fand: Jetzt ist Schluss.

Thing war eine sehr kreative Gruppe, die mit einer gewissen Besessenheit gearbeitet hat. Die Mitglieder waren Abgänger der Universität für Angewandte Kunst (damals noch nicht Universität). Mark kam von Oberhuber und Kossatz, der Sysop, aus der Weibel-Klasse. Sie waren sehr engagiert. Mark träumte von einem Modell sozialer Plastik im Sinne von Beuys, Max Kossatz war mehr am Medienaspekt interessiert und hat auch die ganzen technischen Dinge gemacht, und das sehr gut.

1995 - zum Österreich-Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse - gab es dann die Idee von mir, einen Computer mit Frankfurter Einwahlnummer aufzustellen und BBS zu machen, nur sie wollten nicht. Rüdiger Wischenbart fand die Idee nicht interessant genug. Ich habe aber nicht locker gelassen und schließlich gemerkt, dass man das alles auch übers World Wide Web kann und das ganze Theater mit der Einwahlnummer nicht mehr braucht. Gemeinsam mit Fritz Handl habe ich dann eine Website gebastelt, eine sehr einfache, reine HTML-Seite. Etwas anderes (wie Frames) konnte damals noch gar nicht von allen Browsertypen richtig angezeigt werden. Ich bin dann nach Frankfurt gefahren, habe Karten gedruckt und sie dort verteilt. Es waren 5 oder 6 Terminals dort - man konnte die Adresse eingeben und das Bild war da. Ich habe dort dann sehr interessante Amerikaner kennen gelernt, die das erste Mal zur Buchmesse gekommen waren und sehr stolz ihre Websites vorgeführt haben. Es waren die ersten Angebote, die es gab: kleine Texte, Links zu Verlagen, Info-Dienstleistungen. Soweit ich mich erinnere, hat sich das alles am EUnet-Stand abgespielt, noch sehr weit entfernt von den großen Hallen, am Rande.

Eigentlich hat 1995 der Computer als vernetztes Medium dort Einzug gehalten. Es war auch das erste Jahr, in dem die Frankfurter Buchmesse ihre eigene Website gehabt hat. Da war man insgesamt noch voller Euphorie über das Ganze. Die Kolleginnen und Kollegen haben sich zum Stand schleppen lassen, sind sogar freiwillig mitgegangen, um die Seiten zu sehen, obwohl der Stand so abgelegen war. Es waren kleine Anfänge...

ROSENAUER: Da haben Sie schon das electronic journal präsentiert, bei der Buchmesse?

KRAHBERGER: Das war schon das electronic journal, ja. Aber es war keine offizielle Präsentation. Es war halt vorhanden, und wenn jemand Interesse hatte, konnte er es sehen.

ROSENAUER: Sahen Sie als einen der größten Vorteile des Publizierens im WWW die Unabhängigkeit?

KRAHBERGER: Das hat sich schon auf der Buchmesse herausgestellt, ja. Es war jedenfalls ein Vorteil, solange es noch nicht sehr viele Websites gegeben hat.

KRAHBERGER: Das ist richtig. Ich wollte ja auch damals viel mehr machen, denn ich wusste, man muss es jetzt machen und jetzt möglichst viel erreichen, denn nachher werden natürlich viele andere dazukommen. Nur hat die Finanzierung damals nicht ausgereicht.

ROSENAUER: Also, es gab immerhin Finanzierung dafür?! Haben Sie nur einmal eine Finanzierung bekommen?

KRAHBERGER: Nein, ich habe immer wieder etwas bekommen, auch für die Updates. Etwa in dem Ausmaß wie für eine Literaturzeitschrift. Das klingt vielleicht viel, ist es in Wahrheit aber auch nicht.

ROSENAUER: Wenn man die ganze Arbeit rechnet...

KRAHBERGER: Es ist nicht nur die Arbeit, sondern Sie bekommen pausenlos Probleme. Serverabstürze oder andere technische Dinge - Sie hängen dran! Ich halte das Medium heute nicht mehr für das wahnsinnig freie Medium. Es war mir aber auch damals schon klar, dass ich nicht davon ausgehen kann, ein Journal zu machen, und nur, weil es im Web ist, Arbeit und Kosten zu sparen, was einem immer eingeredet wird. "Im Web ist das soviel kostengünstiger und so viel besser" - das stimmt nicht. Ein Journal wie Wired hat, glaube ich, 100 Mitarbeiter. Mir war schon immer klar, dass das Projekt umso arbeitsintensiver und arbeitsteiliger wird, je effizienter es wird.

ROSENAUER: Es ist aber doch so, dass man für den Druck viel Vorbereitung und viel Arbeit hat, man braucht auch die entsprechenden PCs. Ich denke schon, dass Kosten wegfallen, kann mir aber vorstellen, dass sie dadurch dazukommen, dass man mehr macht, weil man mehr machen kann.

KRAHBERGER: Es gibt Sachen, die ich dann nicht gemacht habe, wie ein tägliches oder wöchentliches Update von Kulturveranstaltungen. Das sind alles arbeitsintensive Sachen, die Ihnen niemand zahlt. Das kann man eigentlich nur institutionell machen...

ROSENAUER: Wie war das eigentlich in den Anfangszeiten? Haben alle Autorinnen und Autoren, die im electronic journal veröffentlicht haben, ihre Beiträge überhaupt schon digital geliefert?

KRAHBERGER: Nein, eben nicht. Die mussten zum Teil abgetippt werden, das kommt noch dazu. Es gibt heute noch Autoren, die keine digitalen Texte liefern, zum Beispiel, weil sie einen alten Text nehmen. So müssen wir oft noch immer nachbearbeiten. Immerhin kamen mittlerweile die Scanner auf, aber das hilft auch nicht immer, z.B. für so etwas [zeigt auf mein Tonbandgerät, lacht]...

Es kommt auch darauf an, was man gerne möchte. Ich habe nach wie vor lieber schlichte, einfache Programme. Ich habe mich nie in bestimmte Funktionalitäten verliebt und mich in ihnen verfangen. Wenn Sie einen der Autoren des journal nehmen, Helmut Eisendle - er schickte mir Texte mit Farben und Fußnoten. Ich habe ihm dann gesagt: "Ich muss das alles in HTML übertragen, und je mehr Gestaltung von WORD du hineinnimmst, desto problematischer wird es für mich." Ich bevorzuge Texte im Format rtf [rich text file], aber das machen viele Autoren nicht... Unnötiger zusätzlicher Aufwand ist das lähmendste an dem ganzen Projekt. Es wären unheimlich viele begleitende Schritte (oft fast eine Art Computer-Einschulung) notwendig. Welchen Aufwand die Konvertierung von Daten und ähnliches macht, können Sie einem User oft nicht klar machen. Der versteht nicht, dass er auf einmal nicht das gleiche auf dem Bildschirm sieht, nur weil er etwas mit einem anderen Programm abruft. Der User hat ja auch im Prinzip vom Web keine Ahnung. Er kennt die Funktionalität nicht, er kennt die Gefahren nicht (wenn man ihm z.B. einen Trojaner schickt), er ist eigentlich völlig hilflos.

ROSENAUER: Das wird ja auch immer mehr, nun, wo alles so einfach geworden ist.

KRAHBERGER: Ich habe immer gesagt, das Massenmedium Web beginnt dann, wenn beim Hofer (supermarket) der Computer verkauft wird. Und so war es ja auch. Es ist anders als das Fernsehen, weil es bidirektional ist, einen Austausch ermöglicht. Im Wesentlichen überwiegt aber heute wohl wieder die Eindirektionalität, denn wirklich Informationen von einer bestimmten Qualität - die mehr als eine Kleingruppe interessieren - im Web weiterverbreiten können, erfordert ein spezialisiertes Fachwissen.

ROSENAUER: Wie kommen oder kamen Sie zu den Beiträgen für das electronic journal?

KRAHBERGER: Einerseits habe ich die Kontakte dadurch, dass ich jahrelang den Verein für Literaturzeitschriften und Autorenverlage gemacht habe, dadurch kam ja auch die Finanzierung. Aus der Aufbruchsstimmung der 80er Jahre und Modellen der sozialdemokratischen Bewegung kamen neue Ideen, wie Präsentation der Zeitschrift in Kunsthäusern, verknüpft mit thematischen Symposien und Lesungen von Autoren und Autorinnen. So habe ich ein relativ großes Pouvoir von persönlichen literarischen Kontakten.

ROSENAUER: Das heißt, Sie sind persönlich an die Autorinnen und Autoren herangetreten?

KRAHBERGER: Zuerst habe ich einmal meine eigenen Sachen verwendet, dann bin ich an die Autorinnen und Autoren herangetreten, mit unterschiedlichem Erfolg. Mit dem Ernst Jandl musste ich zum Beispiel 20 Mal reden, die Friederike Mayröcker hat mir sofort etwas gegeben, ... Ihm ist es vor allem um Urheberrechte gegangen. Ich musste natürlich die Verlage anschreiben - für die Fritzi den Suhrkamp, bei ihm war es Luchterhand, um die Rechte zu erlangen bzw. kein Problem zu bekommen, wenn ich die Texte ins Netz stelle. Für mich war das Rechtliche selbst auch ein Problem - Sie finden dazu im Journal einen Artikel "Copyright or Copyleft" - ich war von vornherein davon überzeugt, dass die Möglichkeit, allerlei Content ins Internet zu stellen, nichts an den urheberrechtlichen Besitz- und Eigentumsverhältnissen verändern wird. Das haben aber viele geglaubt, sie dachten, da ist eine Revolution ausgebrochen.

In der Medienszene waren viele für Copyleft, auch Weibel. Ich bin dadurch ein bisschen zwischen die Fronten geraten, bis Weibel mit einer wirklich guten Arbeit über die Wiener Gruppe auf die Nase fiel. Sie machten eine CD, das war damals der Biennale-Beitrag, und die war auch im Netz, eine Web-Version (gemeinsam mit Kipcak). Vermarktet durfte das nicht werden wegen der Urheberrechte. Es gibt auch eine Reihe anderer Beispiele... Ein neues Medium eröffnet neue Möglichkeiten, kollidiert aber mit Regulativen und Regeln, die ihm vorgegeben sind und die wir eigentlich beachten müssen. Das heißt, das Medium ist eigentlich revolutionärer als der vereinbarte Distributionsstand. Und das ist vielleicht sogar eine Vorform dessen gewesen, was im Großen mit der New Economy passiert ist. Im Urheberrechtsbereich hat sich immer schon abgezeichnet, dass es hier zu Kollisionen kommen wird. Die ersten Papiere wurden ausgearbeitet von einem Mitarbeiter für die US-Gesetzgebung, von einem Vorstandsmitglied von Time Warner. Der spürte, was hier kommen wird und hat einen entsprechenden Gesetzesentwurf durchgebracht, der eine sehr starke Regulierung bedeutet hat, soweit, dass man sich eigentlich nicht einmal eine Kopie auf die Speicherplatte legen durfte.

ROSENAUER: Ein ähnlich häufiges Thema wie das Urheberrecht ist die Frage der Archivierung. Wie halten Sie es da persönlich für das electronic journal? Archivieren Sie, und wenn ja, auf welche Weise? Sie haben ja auch am Archivierungsprojekt der Österreichischen Nationalbibliothek teilgenommen...

KRAHBERGER: Für mich war ein wichtiges Kriterium das, was man heute die Politik der Nachhaltigkeit nennt. Mir war klar: Wenn dieses Medium das Buchwesen und das Zeitungswesen ersetzen soll, dann muss es seine Funktionen übernehmen können, und vor allem die dauerhafte Aufbewahrung von Informationen. Ich kann z.B. in eine Bibliothek gehen und mir Publikationen von 1883 ansehen, wie die Neue Freie Presse oder andere Zeitungen. Wenn ich weiß, was ich suche, kann ich jederzeit Zugriff auf diese Informationen haben. Mit der Dokumentierung von Geschichte kann man den nachfolgenden Generationen die Möglichkeit geben, sich anzuschauen wie damals etwas aufgezeichnet wurde. Diese Qualität müsste eigentlich das neue Medium auch haben. Aber ich bin mir heute nicht mehr sicher, dass es das haben wird. ROSENAUER: Und was haben Sie dann persönlich mit dem electronic journal gemacht?

KRAHBERGER: Als ich von dem Archivierungsprojekt der Nationalbibliothek gelesen habe, habe ich Marte angerufen, und 14 Tage später war ich bei ihm und habe ihm das electronic journal vorgestellt und ihn gebeten, das in die Archivsammlung aufzunehmen. Schließlich war man aber mit dem Konzept - Archivieren einiger ausgewählter Projekte - nicht so zufrieden, und es ist ja auch genaugenommen so, dass das Web selbst das Archiv ist. Die Wiener Stadt- und Landesbibliothek wollte dann das schwedische Konzept übernehmen, das alles abbildet, bis hin zum Weblogger, und das ist dann schließlich auch zuviel, vor allem in diesem Zusammenhang etwas wie Katalogisierung zu machen. Wie machen Sie das beim INST?

ROSENAUER: Wir holen die files vom ftp-Server auf die Computer-Festplatte und brennen die Dateien auf CD-ROM.

KRAHBERGER: Als der Thing-Server eingestellt wurde - jetzt gibt es nur mehr die virtuellen Adressen - habe ich 2 Monate gebraucht, bis ich die Daten zu pvl bringen konnte. Das hatte auch mit Kostengründen zu tun - es war die Zeit, in der plötzlich traffic sehr teuer geworden ist... Die Videogeschichten sind leider verlorengegangen, die hat der Sysop noch immer nicht wiederherstellen können. Über Auflösung vom Büro und dergleichen, weiß man nicht, wo der Ordner mit den Daten geblieben ist. Ich archiviere unsere files mittlerweile auch auf CD-ROM - im Moment ist aber mein Brenner kaputt...
Mich interessiert das Thema Archivierung prinzipiell sehr, denn für mich war das journal immer auch ein researching. Für mich wurde daher schnell klar: das Archivieren wird zum babylonischen Projekt. In meinem Text dazu kehre ich ja das Babylon um. Die Zahlen werden nicht mehr aktuell sein, aber, das Verhältnis von digital gespeicherter Information zu Printinformation war 0,5 Promille - es gibt 200 mal mehr elektronische und digitale als gedruckte Information - das Medium hat sich quantitativ in einer unglaublichen Form durchgesetzt. Ich weiß allerdings bei diesen Zahlen nicht, ob differenziert wird, auf welche Art die Information abgelegt ist. Die Information habe ich aus einer Untersuchung der Universität of Berkeley. Das ist ein deutliches Zeichen für eine Hinentwicklung zum digitalen Speicher. Was nicht heißt, dass das Buch tot ist.

ROSENAUER: Ein anderes Thema... Sie sprachen vorhin vom vielen traffic, das heißt, das electronic journal erfreut sich einer großen Nutzung. Wissen Sie ungefähr, wie die Zugriffszahlen aussehen?

KRAHBERGER: Es sind ungefähr 50-70.000 hits (2008: 250.000) im Monat und ungefähr 6-9000 (2008: 30.000) Besucher. Die Zugriffe steigern sich seit einigen Jahren konstant.

ROSENAUER: Das klingt ja ausgesprochen beeindruckend.

KRAHBERGER: Das ist auch beeindruckend. Nur: man kann die Zahlen eigentlich nicht verwerten. Es ist natürlich schön. Ich weiß, wir haben ungefähr 30 % Zugriffe aus Übersee, Österreich und andere Länder teilen sich den Rest ca. Hälfte/Hälfte, es gibt z.B. Zugriffe von etlichen spanischen Universitäten, ich nehme an, vor allem von Germanistikstudenten. Man müsste auch differenzieren: Ist es ein Zugriff von Suchmaschinen wie Google oder AltaVista oder ist es ein Zugriff direkt aufs e- journal. Man müsste unterscheiden zwischen Besuchern, die kommen, weil sie einen Artikel suchen, also über eine Suchmaschine und regelmäßigen BenutzerInnen des e-journal. Das geht aus den Statistiken leider nicht hervor. Es lässt sich nicht immer alles logisch auswerten und zuordnen. Was machen Sie am INST mit den Statistiken?

ROSENAUER: Ich habe bei den Auswertungen auch nicht immer alle Daten verwendet. Es gibt eine Publikation von mir und Angelika Czipin dazu... Man kann nicht so leicht klare Aussagen treffen, weil z.B. auch Zugriffe von Suchrobotern in die Statistik miteinbezogen werden, es gibt keine fixen Richtlinien für die Auswertung und bei den Zahlen gibt es immer einen Graubereich, damit gibt man eher immer Trends an, wenn man auswertet, z.B. die Nutzung entwickelt sich 'rauf oder 'runter.

KRAHBERGER: Leider ist auch die Suche nach den Links, die zu einer Site führen schwieriger geworden, da die Suchmaschinen bereits bei 100 Ergebnissen abschneiden. Früher ist es bei AltaVista bis 200 gegangen oder man konnte sich sogar alle Ergebnisse ansehen. Ich sehe mir das schon gern an, denn dann weiß man dass z.B. die University of Harvard einen link zum e-journal gelegt hat, oder die FU Berlin.
Für die Literatur als solches hat die Webpräsenz einen großen Vorteil, auch für den Kultur- und Kunstbereich insgesamt, und ich glaube, dass das von den Kollegen noch immer nicht richtig gesehen wird. Eisendle hatte es begriffen, denn er hat schon 2 oder 3 Einladungen zu Lesungen bekommen, gewisse Dinge kommen heute einfach mehr übers Web.
Im Literaturbetrieb hat sich insgesamt etliches verändert, nicht nur durch das Web, auch durch die Ökonomisierung. Früher war der österreichische Literaturbetrieb mehr so, dass man ergänzend miteinander gearbeitet hat. Kulturförderung, Verlagsförderung, Literaturhäuser etc. - das hat alles irgendwie einen Verbund ergeben. In Literaturzeitschriften wurde ja immer ohne Honorar veröffentlicht. Aber wer z.B. in Manuskripte drinnen war, hat damit die Möglichkeit gehabt, dass unter Umständen dann ein deutscher Verlag das Buch nimmt und druckt. Es hat also einen Vorteil für die Autorin und den Autor gebracht. Und dieses Netz geht, so habe ich das Gefühl, verloren. Das hat mit dem Wandel in der Politik zu tun, die Förderungsmodelle passen nicht mehr, und das Web wäre natürlich eine Möglichkeit, international, auch über den deutschsprachigen Raum hinaus, österreichische Literatur mehr präsent zu machen. Und da gibt es Interessenten, wie die internationalen Germanistikinstitute, Auslandsösterreicher, Verlage...

ROSENAUER: Kennen Sie eigentlich - durch Feedback oder andere Erfahrungen - Ihre Zielgruppe? Wissen Sie, ob Sie jemanden aus diesem Spektrum erreichen?

KRAHBERGER: Es gibt nur Vermutungen. Es gibt natürlich relativ häufig Mails, z.B. von Leuten, die veröffentlichen wollen, aber die Qualität der literarischen Zusendungen ist nicht immer sehr gut.

ROSENAUER: Wie machen Sie das eigentlich als Herausgeber? Haben Sie eine Art Redaktionsteam, das über Texte abstimmt?

KRAHBERGER: Nein, ich schaue mir das einfach an, oder ich habe Kollegen, die mir etwas empfehlen und ich bringe das dann.

ROSENAUER: Ist auch zumindest ein- oder zweimal übers Netz etwas hereingekommen, was sie veröffentlicht haben?

KRAHBERGER: Ja, schon. Zum Teil theoretische Texte, aber eher wieder Texte über das Medium. Ich nehme an Primärliteratur nur, was ich auch für eine gedruckte Literaturzeitschrift nehmen würde. Für die Publikation wäre natürlich auch besser, wenn auch hier mehr Vernetzung im Literaturbetrieb vorhanden wäre. Ich finde, dass hier nicht mehr das Engagement und die Wichtigkeit vorhanden ist, die am Anfang vorhanden war.

ROSENAUER: Wenn ich das richtig beobachtet habe: Ihre Literaturzeitschrift gehört zu den wenigen, die immer unter der gleichen URL abrufbar waren, die eigentlich nie die Web-Adresse gewechselt haben.

KRAHBERGER: Das ist richtig - mit leichten Variationen.

ROSENAUER: War das schwierig, diese Kontinuität zu haben, ich meine: die meisten Projekte, die ich kenne, sind zumindest einmal "umgezogen", haben ihre eigene Domain gekauft o.ä.

KRAHBERGER: Es gibt eine eigene Domain, die nennt sich www.ejournal.at, die auch aktiv ist, aber sie ist nicht operativ. Es geht um die Eintragung in die Webindexe. Und Teile davon reichen sehr weit zurück. Ich habe immer darauf geachtet, dass virtuelle Weichen gestellt werden, bin z.B. zu Pvl gegangen, weil das eine Lösung war, bei der die URLs bestehen bleiben können. Es wäre insgesamt recht schwierig, alle Leute zu informieren, dass man jetzt eine neue Adresse hat etc. Deshalb habe ich auch alles daran gesetzt, dass alles unter der alten Adresse weiterläuft. Das Ändern der Webindexe ist nicht so einfach - bringen Sie einmal den Sysop von Harvard dazu, dass er einen Link ändert. Das wäre früher gegangen, mit weniger Webseiten und weniger Links, als sich jeder als Teil eines großen Konzerts fühlte.

ROSENAUER: Zu etwas ganz anderem: Ich konfrontiere bei meinen Interviews die Interviewpartner mit zwei Sätzen, die auch von Ihnen in einem Aufsatz zitiert werden - nämlich in "Hypertext - Hyperraum - Kulturentwicklung". Der eine ist der Satz von Heiko Idensen: "Die Literatur soll von allen gemacht werden." Sie schreiben dazu "... endet jedoch allzuoft in chaotisch und hypertroph angesammelten Texturen und Bilddateien, die jeglicher Kontexte und Referenz entbehren." Ich sehe den Satz eher als Impuls, sie sehen da ja auch sehr schön von den beiden Seiten. Ich habe selbst in einem Aufsatz überlegt, dass vielleicht die Leserin aktiver geworden ist durch die Links, bin aber dann zu dem Schluss gekommen, dass Lesen schon immer ein kreativer Prozess war. Ich habe es daher eher dahingehend verstanden, nicht, dass jeder schreiben soll, sondern dass die Leserin oder der Leser mitarbeitet am Text.

KRAHBERGER: Das hat er aber auch schon immer gemacht. Es hat aber qualitative Veränderungen gegeben durch den Medienwandel, die würde ich aber jetzt nicht unbedingt in der Literatur suchen. Ich weiß nicht, was aus dem Kettenroman geworden ist, zu dem Josef Haslinger einmal ein Impulsstatement geschrieben hat, haben Sie den einmal angeschaut?

ROSENAUER: Ich hab schon lang nicht mehr hingesehen, es ist dann lang nichts weitergegangen.

KRAHBERGER: Ich glaube auch nicht, dass so etwas etwas werden kann. Dass jemand, der reinschreibt die ganze Wurst davor lesen soll ...

ROSENAUER: Wobei, es hat interessanterweise in Kanada oder Frankreich einen solchen Versuch gegeben, da hat ein Literaturpreisträger, Jan Queffelec, etwas gestartet, und das ist aus irgendeinem Grund sehr gut geworden.

KRAHBERGER: Im Web?

ROSENAUER: Ja, im Web, ich glaube 1998.

KRAHBERGER: Aha, ich dachte, nur die früheren Projekte auf anderen Plattformen wären gut gelaufen. Nun ja, ich habe da ja auch meine Erfahrungen, ich habe auch einmal für die Schule für Dichtung eine Online-Klasse geleitet und war eigentlich sehr missmutig über das Ganze. Ich musste zum Teil auf Dinge antworten und Dinge besprechen, die eigentlich nicht diskutierenswert sind. Als Herausgeber hätte ich diese Dinge in den virtuellen Papierkorb verschoben. Wenn Sie dort als Lehrer engagiert sind, dann müssen Sie antworten, das kann zu einer Tortur werden. Was mich am Internet fasziniert hat, war die Funktionalität. Aber mir war der Blick auf den Inhalt, auf die Qualität schon immer ein sehr wichtiger. Und warum soll das Medium eine neue Qualität hervorbringen?

ROSENAUER: Etwas ähnliches, aber doch etwas ein bisschen anderes ist der Satz aus der Brechtschen Radiotheorie, der durch das Internet auch wieder zu neuen Ehren gekommen ist, nämlich: "Jeder Empfänger soll auch Sender sein." Dazu äußern Sie sich in Ihrem Text etwas kürzer: "demgegenüber steht die Radiotheorie Bertolt Brechts, die auf interaktive Zweiwegkommunikation und damit auf demokratisches Kommunikationsverhalten abzielt."

KRAHBERGER: Es hat ja zu Brechts Zeiten bereits ein Medium gegeben, dass das konnte - das war der Kurzwellenfunk. Oder: das Telefon war bereits vor dem Kurzwellenfunk da. Wenn man es wirklich genau analytisch betrachtet, war diese direkte demokratische Funktion schon vorhanden. Die Radiotheorie Brechts war somit keine Theorie, denn es hat den Kurzwellenfunk schon gegeben. Es geht natürlich auch hier um das Mitspielen, Mitgestalten. Aber es ändert sich auch im Web nichts: es muss eine gewisse gute Inszenierung sein, wo auch die Beiträge so stimmig sein müssen, dass sie eine neue Qualität entfalten. Natürlich hat jeder von uns den Traum gehabt, dass so etwas geschieht, aber es geschieht, glaube ich, sehr selten.

Es gab ja auch Anfang der 60er, Ende der 70er Jahre das Mitspieltheater - zum Teil mit sehr peinlichen Ergebnissen. Diese Aktivierung hat nie wirklich funktioniert. (actuell wird Funktionen des Mitspiels besonders erfolgreich im TV vermarktet; erinnere an die Big Brother TV WG)

Heute... Sie haben natürlich die Weblogger und diese ganzen Geschichten, die Diskussionsforen. Ich habe im BBS-System zum Teil sehr intensiv an diesen Schreibforen teilgenommen, daraus sind auch eine Art kollektiver Texte entstanden.
Auch der Versuch, etwas zu drucken, ist entstanden. Aber da war wieder das Problem die Urheberrechtsfrage, denn alle AutorInnen hätten ihr Einverständnis geben müssen. Andererseits bin ich damals draufgekommen, wie Missverständnisse im Netz entstehen, warum zum Beispiel flames aufkommen, durch diese Form des Halb-Redens, Halb-Schreibens, mehr ans Innere angeknüpft, man ist emotionaler, direkter...

ROSENAUER: Eine weitere vieldiskutierte Thematik. Würden Sie das electronic journal als eine "österreichische" Literaturzeitschrift bezeichnen?

KRAHBERGER: Weitgehend.

ROSENAUER: Und was ist für Sie überhaupt österreichische Literatur, vor allem im Zusammenhang mit Netzwerken, wo man oft gar nicht mehr so genau sagen kann, wer woher kommt?

KRAHBERGER: Ich würde auf der Grundlage sagen, das journal ist ein österreichisches Projekt, denn es schreiben meist Österreicher drinnen. Die Internationalisierung ist mir nicht wirklich gelungen. Von der Abnehmerseite ja, nicht aber von der Angebotsseite. Die Themen sind zumTeil international oder global.

ROSENAUER: Wäre das ein Ziel gewesen?

ROSENAUER: Zu Ihnen als Nutzer: Was wären andere Medien oder Literaturprojekte, die Sie sich online gern ansehen - was benützen Sie besonders gern im Web?

KRAHBERGER: Ich habe mir natürlich Projekte wie das vom Idensen angeschaut, aber heutzutage suche ich eigentlich nur nach Informationen, nie nach Websites, ich suche über Google.

ROSENAUER: Sie arbeiten also eher selten mit Verzeichnissen? KRAHBERGER: Ich bekomme immer wieder Hinweise bekomme auf gute Seiten, Herusgeber avisieren mir ihre Adresse und die setze ich ins e- journal hinein. Es gibt natürlich nach wie vor interessante Seiten, wie diese Shakespeare-Seite, die einen Textcluster formt. Ich versuche, auf diese Dinge hinzuweisen, oder auf österreichische Literaturzeitschriften oder AutorInnen.

ROSENAUER: Das heißt, man kann Ihre Favoriten eigentlich Ihrer Literaturzeitschrift entnehmen, weil die auch in ihren Hitlisten "abgebildet" sind.

KRAHBERGER: Ja, richtig.

Medienbaustein


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