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Virtuality goes Reality

©Franz Krahberger

Über längere Zeit war ich der Ansicht, daß die Qualität eines neuen Mediums sich am besten im Vergleich mit bestehenden bzw. entfalteten Ausdrucksmitteln bestimmen lasse. Nur so entgeht man den Phantasmagorien, auf weiteres nicht einlösbaren Vorstellungen, den damit verbundenen Verirrungen und der inflationären Ankündigungspolitik des Elektronikmarktes.
Dieser Ansatz setzt allerdings die ebenso ernsthaft zu führende Auseinandersetzung mit den vorlaufenden Ausdrucksformen und Kunstmitteln voraus. Hat man dieses Programm zumindest in seiner Rohfassung hinter sich gebracht, wird klar, daß die elektrischen Medien eine Fülle von Möglichkeiten mit sich bringen, die sich dem traditionellen Gestaltungswillen entziehen. Die Auseinandersetzung damit gleicht mehr der Vorgangsweise von Prospektoren, die in völlig neue Landschaften aufbrechen und deren Nutzbarkeit erst darin erkennen, indem sie damit leben und umgehen lernen müssen. Andererseits prägen sie diesen eroberten Landschaften ihre gewohnten Formen auf.

Die Auseinandersetzung mit den elektronischen Medien, insbesondere dem World Wibe Web ist das radikalste "Work in Progress", das mir bislang untergekommen ist.
Gegen eine "Ästhetik des Verschwindens", wie sie von Paul Virilio aus kritischer Position heraus artikuliert wird und durchaus interessante und ernst zu nehmende Ergebnisse zeitigt, ist eine "Ästhetik des Werdens“"zu setzen. So hat auch Christoph Nebel eine Veranstaltung genannt, für die ich den vorliegenden Text verfaßt habe. "Ästhetik des Werdens" signalisiert, daß etwas im Werden begriffen ist, daß man sich in einem noch nicht abgeschlossenen Prozeß bewegt, dessen Ausgang nicht oder noch nicht vorhersagbar ist.

Einiges jedoch kann mit Bestimmtheit gesagt werden. Neue Medien sind nur durch Hervorbringungen der technischen Nutzung der Elektrizität möglich und denkbar. Die technische Revolution der Elektrizität hält nun seit mehr als hundert Jahren ungebrochen an und ihr Ende ist nicht absehbar. Die Entwicklung im elektronischen Bereich entzündet nach wie vor die menschliche Phantasie und führt ebenso zu neuen Visionen wie auch zu neuen Nutzungsmöglichkeiten. Marshall Mc Luhan, der Prophet des elektronischen Zeitalters, hat dies in Ansätzen vorausgesehen. In seiner zum Kultbuch gewordenen Schrift Die magischen Kanäle stellt er fest, daß die elektrische Energie vom Ort oder der Art des Arbeitsvorganges unabhängig ist, und deswegen imstande sein wird, neue Schemata der Dezentralisierung mit sich zu bringen. Auch er dürfte davon überrascht worden sein, daß der Personalcomputer der Medienwelt und dem Kommunikationsverhalten binnen Kürze eine andere Gestalt verliehen hat.

Man kann heute von der Verwirklichung der virtuellen Phantasie mit den Mitteln des elektronischen Zeitalters sprechen. Charles Baudelaire hat 1860 in seinem Text über Thomas de Quincey und den aus der Natur gewonnenen Rauschdrogen von "Künstlichen Paradiesen" gesprochen. Baudelaire hat entscheidend die Phantasie der Surrealisten bewegt, die mit ihrem Entwurf künstlicher Bildwelten die Kunst der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts stark beeinflußt haben. Etwa zur selben Zeit deckt uns Sigmund Freud die Geheimnisse des Traums auf.

Baudelaire war wohl einer der ersten innerhalb eines von uns gut überschaubaren Zeitraumes, der die suggestive Macht des Traumes, mit welchen Mitteln dieser auch immer erzeugt wird, erkannt hat.

Seine Lebenszeit endet etwa da, wo erstmals ernste Versuche unternommen wurden, die Elektrizität nicht als Wunder zu bestaunen, sondern sie vielmehr effektiv zu nutzen. Die Chronik der Elektrizität des Kataloges der exemplarischen Ausstellung Electra 1983 im Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris reicht bis ins Jahr 1864 zurück, zur Maxwellschen Theorie des elektromagnetischen Feldes, zu dem auch das Licht zählt, und den Hertzschen Erkenntnissen, die so wesentlich für die Erfindung des Radios waren.

Betrachtet man aus heutiger Sicht, also vom Ende des 20. Jahrhunderts her, die Ergebnisse und die Hervorbringungen der Avantgarde der Moderne, erscheinen sie im kathodischen Licht der elektronischen Medien und deren realen und auf weiteres denkbaren Dimensionen seltsam müde und veraltet, als Entwürfe, als bloße Gedanken-Skizzen künftiger Ereignisse.
Der elektronische Raum beginnt sich nun in seiner Fülle zu zeigen. In der Betrachtung der klassischen Künste und deren voll ausgeformten Stilepochen in Verhältnis gesetzt zum elektronischen Entwurf der Jetztzeit erweist sich die Moderne, insbesondere deren avantgardistische Spielform als merkwürdig versprengtes, interruptes und diskontinuitives Feld, das für mehr Irritation als für Effizienz sorgt. Und Irritation war dann auch ein wesentliches Spielmittel der Avantgarde. Die Überfülle des elektronischen Raumes hingegen zwingt jetzt zur Ordnung, zur Strukturierung von Information, man muß dem Stoff Substanz verleihen. Wir können uns allein mit dem schönen Schein und flottierender und damit beliebiger Information nicht mehr zufrieden geben.

Virtuality wird in Websters Encyclopedic unabridged Dictionary of the English Language unter 1. als "beeing such in power, force or effect, though not actually or expressly such" und unter 3. als "archaic term: having the inherent power to produce certain effects" definiert.
Power, force, effect, to produce effects. Die Beherrschung der elektrischen Energie, der elektrischen Kraft ermöglicht uns nicht nur die Herstellung eines virtuellen Raumes, sie läßt diesen auch nutzbar, brauchbar und erlebbar machen.
Die weiters im Webster’s angeführte Definition von VIRTUALLY: "essentially, although not formally or actually" hat zwar nicht ihre Gültigkeit verloren. Die Essenz jedoch wird handelbar, strukturierbar und entwickelt eigene formale sowie auch ästhetische Gesetzmäßigkeiten. Virtuality goes Reality, und nutzt für diesen Weg die magischen Kanäle der neuen Medien.
Essenz war ein wesentlicher Terminus der mittelalterlichen Alchemisten, der Nachfahren der Magier. Und die Kunst eben der Magier und Schamanen deutet auch jene 3. Definition von Virtual an: having the inherent power to produce certain effects. Und es kommt nicht von irgendwo, daß sich eins der älteren Kinder der Elektrizität, der Film, so sehr den Zauberwelten zugewandt hat. Traumfabrik Hollywood ist keine leere Worthülse, hier wurden tatsächlich erstmals in großem Maßstab Träume als Handelsware hergestellt.
Virtualität verschiebt sich hin zur Realität und diese wiederum gewinnt eine neue Bedeutung im elektronischen Äther, im elektronischen Feinkörper. Die Aura selbst wird zum Material künstlerischen Handelns.

Die künstlichen Paradiese mutieren zu einer realen elektronischen Architektur, zu einem Super Raum, den wir Cyber Space nennen.
Die Wahrnehmung dieses elektrischen Super Raumes ist jedoch bloß imaginativ und ausschnittshaft beschränkt durch das Inter-Face. Wir wissen, daß es diesen Raum gibt und wir wissen um die Gleichzeitigkeit der Ereignisse in diesem Raum.

Wir wissen aber auch, daß wir diese Gleichzeitigkeit nicht in Summe erfahrbar machen können. Die Gleichzeitigkeit und Gleichräumigkeit ist eine virtuelle Vorstellung. Man kann zwar im Internet jeden angeschlossenen Punkt rund um den Globus in Lichtesschnelle erreichen, die Bewegung im Netz gleicht jedoch immer der Bewegung etwa in einer U-Bahn-Architektur, in der wir auch nur Ausschnitte und keine städtischen Gesamtansichten wahrnehmen. Wir sind auf die Wahrnehmung in Ausschnitten durch das Foto, durch den Film und vor allem durch das Fernsehen gewöhnt und festgelegt worden. Unser Sehfeld wird durch das Interface bestimmt.
So gesehen hat Paul Virilio natürlich recht. Unser natürliches Sehfeld wird durch den technischen Apparat instrumentalisiert. Damit können Ausblendungen und Manipulationen vorgenommen werden. Das gilt jedoch nur für den gesellschaftlich kulturellen Kontext.
In Bereich der Mikro- und Makrowelten konnten wir nur mittels der Hilfe des technischen Apparates vordringen. Der damit verbundene enorme Erkenntniszuwachs ist wohl als das völlige Gegenteil eines Vorgangs des Verschwindens anzusehen.

Man braucht viel abstrakte Orientierungsfähigkeit und Kenntnisse über die Zusammenhänge im globalen Informationsangebot, um sich rasch und effizient zurecht zu finden. Der Web-Raum ist ein permanent verfügbarer Informationsraum, er gleicht vom Inhalt her einer riesigen Bibliothek, einem unendlich vergrößerten Zeitschriften-Kiosk, der täglich wächst und täglich neue Produkte anbietet, ohne daß da ein selektierender Verleger oder ein Buchhandels- bzw. Zeitschriften-Grossist eine Vorauswahl trifft. Dieser unlimitierte Zugang zu Information ist mehr oder minder frei von qualitativen Einschränkungen. Die wertvolle Information existiert neben einer Menge von belanglosen Machwerken. Darin unterscheidet sich das Internet auch nicht vom alltäglichen Leben.

Die greifbare, von den menschlichen Sinnen erfaßbare Welt ist nicht wirklich ins Wanken geraten, im Wesen ist sie dieselbe geblieben. Bloß der menschliche Wahrnehmungsapparat hat sich mit der elektronifizierten Technik ein neues Wahrnehmungsfeld erschaffen, in dem er neue Artefakte errichtet und gleichzeitig in die bislang verhüllten Geheimnisse der Natur eindringt. Gehen wir zurück in die Zeit der Renaissance und erinnern uns an die Unterscheidung von natura naturans, d.i. die zeugende schöpferische Kraft, und naturata naturata, also der geschaffenen, gegenständlichen Welt. Diese Differenzierung hatte eine bedeutende Sprengkraft im Hinblick auf die scheinbare Überwindung der Natur mittels Kunst und Techne wie auch auf die Herausbildung unserer modernen Zivilisation und Urbanität, führte sie dem Menschen doch vor Augen, daß einer Vergegenständlichung eine Idee, ein Entwurf, ein Konzept vorausgehen muß, das der Mensch lange Zeit allein dem göttlichen Schöpfer zugeschrieben hat.
Ein nicht unwesentlicher Teil der natura naturans ist die ihr innewohnende Kraft, ihre Virtualität. Sie ist Teil des zugrunde gelegten Planes, der in der Vergegenständlichung sichtbar und erfahrbar wird. Bevor die DNS und die Boten- RNS durch Watson und Crick entdeckt und definiert wurde, konnte man bezüglich des biogenetischen Bauplanes noch von virtuellen Vorstellungen sprechen. Trotz näherer Abklärung im biologischen Bereich wie auch im physikalisch atomaren verbleibt ein weiterer Rest von Virtualität und Substanzialität, der nicht fassbar ist.

Ted Nelson, einer der konzeptuellen Pioniere des computergestützten Hyper-Textes und der weltweiten Vernetzung, folgt noch dieser Vorstellung von Virtualität, in dem er sie als Idee, als Konzept, als substantielle Strukturierung eines Informationszusammenhangs angesehen hat, der mit programmtechnischer Hilfe verwirklicht und für dritte nutzbar zu machen ist.

Die Bedeutung des Wortes Virtualität hat sich gewandelt. Heute versteht man darunter die vielfältigen Möglichkeiten der Form der Präsenz und der Interaktion im Cyberspace.
Eine virtuelle Konferenz ist nichts anderes als der interaktive Multilog mehrerer Personen via eine elektronische Schnittstelle unabhängig von dem Ort, an dem sich die einzelnen realen Personen befinden. Sie sind weder durch Raum noch durch den Zeitpunkt festgelegt.

Ihre Verbindung ist das gemeinsame Thema, beziehungsweise die Aufgabe, die sie sich gestellt haben oder die ihnen gestellt wurde. Dialog bzw. Multilog in Realzeit ist ebenso möglich wie relativ kurzen Abstände in der Informationsübermittlung, die den Tag- und Nachtrhythmus weit auseinander liegender Orte und das damit verbundene Verhalten der Personen berücksichtigt. Ähnlichen Vorstellungen folgt auch das Konzept des virtuellen Büros und im weiteren die virtuelle Firma.
Anstelle der realen Architektur wird eine elektronische Architektur genutzt, die jederzeit erreichbar ist, die Informationen speichert, weiterleitet und dem Befugten herausgibt.

Man hat erkannt, daß viele Bereiche der Arbeitswelt und deren Verwaltung schlicht und einfach verarbeiten, bearbeiten und verwahren von Information ist. Um diesen Vorgang zu bewältigen, mußte Arbeitskraft arbeitsteilig an einem Ort versammelt werden. Heute kann diese Funktion über die Vernetzung ebenso ausgeführt werden, ohne die Personen physisch an einem Ort zu versammeln. Es genügt, wenn sie das Wesen der zu verarbeitenden Information begreifen und sie im virtuellen Raum richtig zu handeln bzw. zu plazieren wissen. Daß dabei vielfältige und offensichtlich nötige Sozialkontakte verloren gehen, ist eine der größten Hemmschwellen gegenüber Telearbeit.

Diese relativ trockene Schilderung von Virtualität mag enttäuschend klingen. Doch sie entspricht jener Realität, in der sie von Datenverarbeitern, Betriebswirtschaftern und von Informationsdiensten eingesetzt wird.

Es zählt zu den interessanten Phänomenen, daß das Wort Virtualtät im kulturellen und künstlerischen Kontext völlig andere Phantasien auslöst. Hier könnte man den Begriff wieder auf den ursprünglichen Sinn bringen, in dem auf die Schöpfung von Computer generierter Welten abgezielt wird, in denen die virtuelle Substanz sozusagen der programmatische Kern der sichtbaren dynamischen Erscheinungsformen ist. Kunst als Artefakt im Gegensatz zum getreuen Abbild der Natur, Kunst als Schöpfung künstlicher Welten.
Generell könnte man vielleicht sagen, daß Virtualität eine vorhandene Realität ist, die nicht greifbar, nicht verdinglichbar ist. Virtualität ist mit elektronischen und digitalen Mitteln ( sowie aus den Anlagen der Natur heraus) erzeugte Information.

Eine wesentliche Qualität der Natur war und ist die ihr innewohnende Dynamik. Mit dem Computer gelingt nun erstmals eine Simulation dynamischer Erscheinungsformen in Annäherung. Die metamorphetische Qualität, die daraus entstehen kann, und die auch weiter entwickelt wird, verwandelt die funktionale Maschine in die Dreaming Machine, wie der Computer und dessen multimediale Funktionen von Ted Nelson erstmals genannt wurde. Und das beginnen Softwareunternehmen und Teile der Unterhaltungsindustrie weidlich auszunutzen. Auch das Internet soll in eine funkelnde, gleißende Wunderkammer verwandelt werden, in einen Jahrmarkt der Informationen.

Die Forscher der Renaissance stellten die direkte Sinneswahrnehmung in Frage, so daß sie einen Raum hinter oder unter oder darüber, wie auch immer, dem realen Raum vermuteten.
Diese Absicht hatte auch damit zu tun, hinter die Existenz dieses Gottes zu kommen, der sich so selten offenbarte. Man vermutete ein virtuelles Dahinter oder Darinnen, dem man auf die Spur kommen wollte. Dieses experimentelle Prozessieren schärfte naturlich die menschliche Wahrnehmung. Schon die Scholastik hinterließ in ihrem Bemühen der Gottfindung und des bemühten Nachweises seiner Existenz eine Menge formal logischer Erkenntnisse, die uns heute noch nützlich sein können.

Leonardo da Vinci hat sich zeit seines Wirkens mit dem menschlichen Wahrnehmungsapparat und dessen Paradoxien auseinandergesetzt hat und diese Ergebnisse auch in seinen Tagebüchern aufgezeichnet. Man war mit der einfachen Wahrnehmung des Raumes nicht mehr zufrieden und versuchte neue Orientierung und Positionierung. Die Renaissance war im wesentlichen das Zeitalter der Eroberung des Raumes.

Besonders deutlich wird diese Tendenz in der Betrachtung des leider viel zu sehr vernachlässigten Manierismus, der durchaus als ein weiterwachsender Zweig der Renaissance betrachtet werden kann. Etwa malte Desiderio Mons¨ in der ersten Hälfte des 17.Jahrhunderts eine explodierende Kathedrale so, daß zwei Drittel des Gemäldes den wohlgeordneten Kirchenbau zeigen, während im rechten Drittel eine explosive Raumauflösung vor sich geht. Die Bildauflösung verfährt von links nach rechts. Unseren Lesegewohnheiten nach ist der Vektor der Zeit damit eindeutig festgelegt.
Das Bild Mons¨s kann als Ablösung einer Weltordnung angesehen werden. Kathedralen sind eben universale Metaphern und Bedeutungsträger. Anstelle des heliozentrischen, hermetisch geschlossenen Raumes tritt der unendliche und vielfältige Raum Giordano Brunos. Die Sichtbarmachung dieser Thesen durch das technische Instrumentarium der Astronomie in unserem Jahrhundert ist der eigentliche Triumph Brunos, des Märtyrers der Wahrheit und der Wissenschaft.

Gustav René Hocke spricht von halluzinatorischen Traumvisionen, Raumflucht, beschleunigter Perspektive. Definitionen, die höchst aktuell anmuten. Der großartige Kulturhistoriker Gustav René Hocke hat es dann auch unternommen, das Auftauchen dieser Räume hinter dem Raum, die eben auch den Traum und die Halluzination, also die künstlichen Paradiese des Thomas de Quincey und des Charles Baudelaire einschließen, bis hin zu den Surrealisten zu deuten.

Die Geschichte der Kunst der Neuzeit ist voll von Versuchen und Bemühungen, das Innen mit dem Außen, das Drüben mit dem Hüben zu einer synkretischen, synthetischen und heutig gesagt zu einer synergetischen Überschneidung bis hin zum Aufgehen in Eins zu verbinden, zu verknüpfen, zu vernetzen.
Die Formel natura naturans und natura naturata tritt uns wieder in Form des konzeptuellen Entwurfes und der technischen Realisation gegenüber. Wir sind gezwungen, nicht nur über die natürliche Schöpfung, sondern auch über die Entwicklung und den zunehmenden Bestand der menschlichen Hervorbringungen, die Summe der Artefakte, über das vom Menschen künstlich geschaffene Environment nachzudenken.

Es kommt wahrscheinlich nicht von ungefähr, daß sich in unserer Jetztzeit sowohl die virtuellen Vorstellungen voll entfalten als auch das ökologisch kritische Denken zunimmt. Am richtigen Handeln mangelt es jedoch noch. So wie sich jedoch Mons¨s Kirche auflöst, so werden sich auch die Hervorbringungen der zweiten technischen Revolution auflösen. Wir erleben eine Zeit des Wandels und die gegenwärtige Zeit trägt bereits den Keim des heilenden Fiebers des Künftigen in sich.

Mit den Errungenschaften der Naturwissenschaften und den Hervorbringungen des elektrischen Denkens und Handelns, das uns mehr denn je technische Apparate aufzwingt als naturata, gegenständliche Artefakte, bewegen wir uns mehr denn je auf die zeugende, schöpferische Kraft der Natur zu. Power, force, effect, to produce effects, wohl wissend, daß wir an einem Abgrund wandeln. Jedoch, um zu überleben, und mit Qualität zu überleben, bleibt uns gar nichts anderes übrig. Anstelle von Synkretismus, von Synthese tritt die Formel Synergie. Mittels der Elektrizität, mittels der Elektronik ist Energie gestaltbar und regelbar geworden. Wir sind in Stand gesetzt, bei all der damit verbundenen Fährnis, Schöpfungsakte zu simulieren und in Ansätzen auch zu vollziehen, die bislang der Natur vorbehalten waren.

Die Formel Synergie ist dem Medium Computer inhärent. Abgesehen von seinem in der Zwischenzeit unersetzlichen Einsatz in Forschung, Technik, Ökonomie, terrestrischer und kosmischer Erfassung und seinen unabsehbaren Spielmöglichkeiten erweist sich die vernetzte Computerwelt als kulturbildende Kraft. Mit ihm wird die Vision des Universalismus, des in-summa-Denkens wieder eine ernstzunehmende und auch effektiv wirksame Denkform.
Aus diesem Sichtwinkel lassen sich auch die Kulturepochen der Renaissance und des folgenden Barock neu und nützlich interpretieren. Den von Ted Nelson "erfundenen" Hyper-Text finden wir bereits im Barock. Ich erlaube mir, zumindest die inhalts- und deutungsbezogene Kunstform der Parallel-Programme der Freskenwerke, des Ensembles aus Architektur, Malerei, Skulptur und kalkuliertem Lichteinfall als Hyper Text anzusehen, als solches zu lesen und zu interpretieren.

Der letzte Versuch, ein universelles Weltgebäude herzustellen, war ja auch tatsächlich der Barock. Der Computer ist offensichtlich ein Werkzeug, mit dem sich der universelle Weltenbau fortsetzen läßt, und das Gejammere der Spezialisten der 60er und 70er Jahre vom Auseinanderdriften der Disziplinen aus Gründen der Unüberschaubarkeit der Fülle dürfte der Vergangenheit angehören, zumindest können wir ernsthaft einen erneuten Anlauf versuchen. Ein direkt nachvollziehbarer Denk- und Wirkensstrang her vom Kombinatoriker Ramon Lull, der sich im Summendenken des Mittelalters entwickelte, über die Universalisten und Humanisten der Renaissance über Athansius Kircher, über Gottfried Wilhelm Leibniz bis hin zu Ludwig Wittgenstein, bis hin zur handelbaren Kombinatorik des Computers wird sichtbar.

Auch William Ockham wird mit seiner Suppositionslehre, die wir im heutigen Licht des „Kontextes“ neu interpretieren sollten, als wesentlich hervortreten. Ottl Aicher sagt , daß ohne den Wittgensteinschen Weg der analytischen Philosophie Ockham weiter im Dunkel der Geschichte geblieben wäre. Die Philosophie der Moderne erkennt ihre Anfänge nun fast ein geraumes Jahrtausend früher. Die Kombinatorik Lulls kann als Vorform unseres heutigen vernetzten, kontextuellen Denkens angesehen werden

Nichts ist verlorengegangen, alles ist zugänglich. Hinzu kommt die wesentlich demokratische Qualität des Computers, insbesondere des Personalcomputers in Verbund mit den sich entfaltenden regionalen und interkontinentalen Netzwerken, die wesentlich zu einem breiten Zugang zum Wissen beitragen und noch größere gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung erlangen werden. Dies jedoch nicht unbedingt im Wege jener merkantilen Bestrebungen, die im globalen Netzwerk, in der künftigen Multimediawelt bloß einen Metromarkt, einen Super Virgin-Laden sehen. Wir haben vor allen über die Funktion des Computers im sozialen und öffentlich kulturellen Raum nachzudenken.

Ich halte allerdings jenen Ansatz für wenig zielführend, der den zur sattsamen Standardhülse verkommenen Satzteil McLuhans, das Medium wäre die Botschaft, zur Basis für weiteres nimmt.
Das Medium selbst kann dies niemals allein sein. Es verändert und erweitert zwar die Struktur des Informationsgewinns und des Transfers und es ruft nach einer Ästhetik, die den dem Medium inhärenten Gesetzmäßigkeiten angepaßt sein muß. Im Falle des Computers hat es eine bedeutende synergetische Dimension, eine ungeheure Verstärkerwirkung mit gleichzeitig fast unbegrenzter Expansionsfähigkeit.

Rein um der Form willen zu arbeiten, wäre doch bloß der lächerliche l’art pour l’art-Standpunkt. Das war schon immer der Standort der Einfallslosen. Es ist wohl noch immer so, daß ein Gefäß dazu dient, es mit Inhalt zu füllen. Und diese Inhalte können wiederum nur mit unserer menschlich bedingten Erkenntnis gewonnene Werte des Wissens und Ergebnisse unserer Kreativität sein. In einer Zeit der Überfülle des Wissens, der quantitativen Redundanz der Information, geht es darum, strukturiertes und gestaltetes Wissen herzustellen. Auch in dieser Hinsicht ist der Computer ein höchst nützliches Gerät. Es ist in jedem Fall ratsam, das Ockhamsche Rasiermesser gut und überlegt anzuwenden.

Eine weitere typische Fehleinschätzung betrifft Villèm Flusser. Da wurde jahrelang über das Ende der Schrift palavert, und man wußte nie genau, ob man die Gutenberg - Galaxis nun tot sagen oder hochleben lassen soll. Wer den Text von Flusser über die Schrift genau liest, wird bald bemerken, daß er Texten mit neuer erkenntnistheoretischer Qualität sehr wohl den berechtigten Platz einräumt. Sowohl die Journalisten wie auch große Teile der Kunstszene neigen dazu, sich in klingenden Phraseologien zu ergehen. Und sie greifen mit Vorliebe zum scheinbar Sensationellen.

Vergessen wir keinesfalls, das sich unser Denken in Sprache bewegt, in einer weiteren Form in Mathematik, in historisch und gesellschaftlich bedingten Ikons. Selbstverständlich gibt es ein visuelles Denken, wie Rudolf Arnheim überzeugend dargelegt hat. Vergessen wir jedoch niemals, daß dies alles in einem historisch gewachsenen Kontext steht.

Die zeitgenössische Kunst wird, so sie Effizienz erreichen will, nicht daran vorbeikommen, den Dialog und Übereinstimmungen mit dem Wissenschaftlichen Sektor zu führen und herzustellen. Sie darf dabei jedoch nicht auf ihre eigene Geschichte und die ihr eigenen Erkenntnisse verzichten. Die Computerkunst im speziellen wird viel Arbeit leisten müssen, um eine adäquate Ästhetik zu entwickeln und sie wird sowohl analytischen wie auch operativen Verstand haben müssen.

Ansonsten würde sich die Kunst hilflos der Trendy Ware der Software- und Unterhaltungskonzerne ausliefern. Die Elephanten tragen Namen wie Time Warner, Bertelsmann. Der Verkünder der neuen Wunderwelt, Bill Gates, hat schon vor einigen Jahren kaum ein Museum der Welt ausgelassen, um sich die digitalen Reproduktionsrechte zu sichern. Die Allianzen, Bündnisse und deren Fluktuation im Sektor der C-Medien und deren Verknüpfung mit den Telekommunikationseinrichtungen, mit den Medien und TV-Konzernen sind nur mehr für Brancheninsider überschaubar. Das Marktvolumen des Multimediamarktes wurde von John Sculley 1993 auf drei Billionen Dollar geschätzt. Dementsprechend hart wird der Konkurenzkampf sein. Wie hier Künstler mit etwas ausgefalleneren und komplexer orientierten Ideen zum Zuge kommen werden, in welchen Nischen sie sich festsetzen sollen, ist mir noch ein Rätsel.
Die optimistischen Zahlen des John Sculley wurden in der Zwischenzeit allerdings relativiert.

Doch zurück zu den praktischen und theoretischen Anforderungen des Mediums. Um die Fülle der Information und der metamorphen Struktur in den Griff zu bekommen, bedarf es eines klaren umfassenden informationstheoretischen Ansatzes. Eine neuerliche Lektüre von Abraham A. Moles Informationstheorie und ästhetischer Wahrnehmung ist durchaus empfehlenswert.
Desgleichen auch Wassily Kandinskys theoretische Schriften, in denen er seine künstlerische Gesamtschau vom Teilstück her hin zur geistigen Metaebene entwickelt, ohne die geistigen Ebenen außer acht zu lassen. Für die Bewegung im virtuellen Denken eignen sich ebenso die Schriften Kasimir Malewitschs über die gegenstandslose Welt, die bei weitem noch nicht ausgeschöpft sind. Malewitsch ist auch deswegen interessant, weil gerade er mit seiner Arbeit ein großes Spektrum bildnerischer Kunst abdeckt.

Ich warne davor, die tradierten klassischen Künste leichtfertig über Bord zu werfen. Wir werden noch viel davon lernen können, und wir müssen dies auch tun. Ich blättere zum Beispiel noch immer lieber in der traditionellen Buchausgabe von Alice in Wonderland als in der sperrigen Voyager-Fassung von Brody.

Die virtuale Vorstellung war immer schon ein wesentlicher Bestandteil der europäischen Kultur und sie hat auch in großartigen Kunstwerken der bildenden Kunst und der Literatur geoffenbart, sie hat immer wieder versucht, die Aura des Unsagbaren einzufangen. Dem Wißbegierigen und nicht dem Verächter werden sich bei einer Wanderung durch die europäische Kunstgeschichte die Augen öffnen und er wird bereichert zu seinem Werk der Jetztzeit zurückkehren. Die virtuale Vorstellung war sowohl durch Religion wie auch durch das Bedürfnis nach Erkenntnis angetrieben.

Es ging und geht darum, den Wissenshorizont immer weiter hinauszuschieben, den Speer des Archytas vom Rande des Universums in unbekannte Gebiete vordringen zu lassen bzw. im übertragenen Sinn neue Gebietsschöpfungen vorzunehmen, wie dies in der virtuellen Kunst ja tatsächlich der Fall ist.

Nehmen wir noch einmal den Gedanken des Traums auf. Der Traum, die Illusion, die Imagination sind, trotz der all damit verbundenen Gefahren zutiefst menschliche Fähigkeiten. Die Metamorphetik, die operative Verwandlungs- und Verknüpfungsfähigkeit des Mediums wird es uns eines Tages ermöglichen, Kunstwerke zu erschaffen, die unserem psychischen Leben, unserem Seelenleben mit seinen Manifestationen und Visualisationen sehr nahe kommen werden. Mit dem elektronischen Medium wurde uns ein dynamischer, von uns lenkbarer Reflektor in die Hand gegeben. Es mag sein, daß wir damit und im Umgang damit mehr über uns erfahren, als uns das bislang möglich war.
Abschließend möchte ich noch kurz die Geschichte jenes Berliner Jungen wiedergeben, die vor kurzem im Spiegel stand. Ein Autist, der über eineinhalb Jahrzehnte nicht imstande war, sich mitzuteilen, sandte mittels eines Homecomputers seine ersten logisch deutbaren Nachrichten an die Außenwelt. Heute ist er soweit, seine bislang von der Außenwelt hermetisch abgeschlossene Gedankenwelt zu offenbaren und in literarisch überzeugende Form zu bringen. Es wurde auch deutlich, daß dieser Junge über ein fotografisches Gedächtnis verfügt und sich die Inhalte all jener Bücher, von denen seine Eltern angenommen hatten, er blättere nur beliebig darin, angeeignet und sich in seinem abgeschotteten Gehirn eine logisch stringente Welt aufgebaut hatte, die er mittels der Elektronik heute kommunzieren kann, so wie sich der führende Astrophysiker und Inhaber des Newton-Lehrstuhles Stephen W. Hawking auch nur über einen Handy-Communicator verständigen kann.

So wie sich diese Menschen aus der Dunkelheit ihrer Abgeschlossenheit an uns wenden, so ist denkbar, daß wir unter der Nutzung der virtuellen Perspektive Grenzen unserer Psyche, unserer Seele ausloten und vielleicht auch überschreiten, ohne Schaden zu nehmen. Wir sind auf der Reise und ich habe zumindest das Gefühl, daß sie wertvolle Ergebnisse zeitigen könnte, mit Bestimmtheit kann ich es jedoch nicht behaupten.


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