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[bryt] oder DIE KORRESPONDENZEN


© Friederike Mayröcker



Friederike Mayröcker [bryt] O-Ton


und würde dann einfach solch eine hilfs frau brauchen die mir 1 säckchen baldrian oder safran oder salbei oder beicht katechismus aus der sakristei (apotheke) heraufholt...

o wie schiebt runzelig sich das päkchen den tisch entlang, diese offene medikamentenpackung schiebt sich schlitternd die ovale tischplatte entlang, hatte ich nicht gehört: wie knittert das plastiksäckchen rechts von der maschine wenn der wagen es berührt, das päckchen schlittert aufwärts und abwärts, ich meine der schwankende tisch auf der schwankenden tischplatte die ohne mechanischen antrieb sich bewegt und dasz ich glauben musz lauter zauber stecke dahinter, totale verwirrnis sage ich zu blum, müsse temperatur messen, das grosse T wie schwellung über meinem haupt , ich meine der Querbalken des grossen T schien an alte japanische stiche erinnern zu wollen, das joch auf den schultern, zu beiden seiten die schwere last, usw.

manche ausflüge in die bereiche der vorstellung: alles pseudo geographisch, sage ich zu blum, schiebe vielleicht 1 gedicht 1 paar verse mittenhinein, rudere rudere in die brühe hinein das ist die osterkranzprosa, sage ich, und die lieblingsbücher führen auf irgend einen tanz oder gedanken reigen, ich radiere rudere das päkchen, es rudert die tischplatte lang, das ovale tischchen schwankt, da ist dieses schweren herzens buckelkorb sage ich zu blum, oder wenn ich manchmal nicht weisz welcher tag welche stunde welche STAMPE oder mit welchen worten blum seinen jüngsten (letzten!) brief abzuschlieszen pflegt: Buona Pasqua, nämlich beschreibbar als shakespeares DAISIES!
ich habe in matisse katalogen geblättert, er hat diese VERWUNSCHENEN hände (fäuste) von frauen gezeichnet, er hat frauen hände gezeichnet, die verwüstet anmuten, die sich ereignen mit den wulstigen ketten welche diese frauen um den hals tragen, die frauenhände als krallen halskrausen, -ketten, während sittich flüge wie halbgeöffnete augenschlitze bei groszem blattwerk, die rosa pranken der frauen zwischen rosa kartons, nicht wahr, sage ich zu blum, die kleinen rosa kartons, die hin- und herfahrenden rosa Hirten auf der tischplatte, junge frau in takt ansicht oder -takt, mein tisch portrait, mein nachttisch, über die türklinke die feuchten strümpfe gestülpt, an einer nackten weiblichen figur zu entdecken pierrot quaste am rist des rechten fuszes der ausschreitet, papier quaste gleich nachtigall, das ausschweifende auge, das erfüllte schweigen der häuser: eine der matiss’schen bildunterschriften, sage ich zu blum, o wie weinet / es so weinet das herz / und der fuchs kragen fuchsien zertrümmert ich meine gefädelt eingefaltet (siehe oben) dasz das lederband des beutels ziwschen halskrause und mantelkragen sich schiebt, alles presst mir den atem zusammen, auch fliegenschnee habe gesehen 1 kalesche mit 2 pferden deren mähnen mit bunten papiergirlanden geschmückt, wie es rosenmontag der brauch ist, wenn sie durch die strassen ziehen, und jubeln, ich meine die pferde jubeln irgendwie mit den augen, sie tragen da keine scheuklappen man hört sieht die pferde jubeln und schnalzen ich meine die kalesche mit den papierlocken entpuppte sich als lastwagen im schneeregen, oder SPRITZWAGEN und das alles troff und schnalzte und schnäbelte in dem unabänderlichen nasz dasz es 1 wasserfall war in der stadt, ich habe gesehen nämlich den schatten der hinter mir ganz nah an meinem rücken mir folgte, ich war gefaszt auf das schlimmste, ich habe gesehen nämlich den schatten der hinter mir ganz nah an meinem rücken mir folgte, ich war gefaszt auf das schlimmste, ich habe gesehen etwas wie lederstreifen 1 lederriemchen an dem beuteligen hut oder kappe, lederkappe des motorradfahrers, mit klappverschlusz, da war doch etwas, so 1 fahne hinter mir, fähnchen: kleidchen, 1 wasserzeichen, regenhut, regenkappe aus leder, nicht wahr, ich sah es hinter, neben dem rechten auge hervorschnalzen, wuszte nicht genau, was es war, dann drängte hervor 1 männergestalt in leder, lachte grinste verhöhnte mich, überragte mich um mindestens halben meter, habe gesehen etwas wie ein falter im zimmer war aber schreckgestalt, war aber riesiger mast mit mosaiksteinchen ausgelegt&behangen, so als ob man das fenster die fenster mit rollbalken verschliessen wolle, ich meine träne an wange, sage ich zu blum, manchmal fühle ich mich ausgerissen, herausgerissen, aus meinem erdreich herausgerissen, samt wurzel und fusz, fuszwurzel, -fleisch, und ich nicht weisz wohin und wo zu orten, all die schrecknis und schattenwelt, und nicht orten kann meine bildlichkeit und den eigenen ort und die eigene örtlichkeit und die ölperspektive wie maler sie dirigieren, und wie die gemarterten teppichfluten an den wänden herab, wie bei matisse, sage ich zu blum, du muszt nennen diese tapetenschönheit, die sich ergiesst auf das tischtuch, den fuszboden, die frau mit dem hirschgeweih, und alles in PUDERROT, sage ich, du musst erkennen die hirschgeweihe an den wänden und wie sie wandern den schönen tisch entlang dasz er zu kurven scheint, und die hirschgeweihe wie die hirschgeweihe der tapeten sich in die haare der frau an dem tisch mit den hirschgeweihen mischen, vergraben, etc., immer wieder habe ich mit diesem buch gehandelt, oder von diesem buch gehandelt: ich meine ich war versucht es als eines meines lieblingsbücher zu deklarieren: baltasar Gracian hand-orakel und kunst der weltklugheit, deutsch von arthur schopenhauer, aber dann bezauberte es schon nach ein paar seiten, ich kann den hergang nicht rekonstruieren, es hatte viel anziehung gehabt. vom titel her war es mir doch zu VERSTIEGEN und gleichzeitig zu UNGENAU, oder ich wurde nicht fündig, paszte nicht wirklich hinein, oder es paszte nicht wirklich hinein in meine gelüste, nicht wahr, nämlich es ging nur 1 weile mit mir, dann erlosch es, oder meine neugier meine verzauberung schien zu erlahmen, es schien mir etwa nicht genügend vermischt (oder austariert) : 1 zu wenig an gemisch von strenge und anmut und geheimnis (=Rosenschmerz!) überhaupt diese tage so schmerzlich weil von joseph keine antwort-gefühle: antwort-gedanken, sage ich zu blum, und es widersteht mir ihn immer nur zu alphabetisieren, J=O=S=E=P=H, ohne dasz von seiner seite ich meine irgend ein zeichen, nicht wahr, 1 kleiner löffel liegt zwischen umschlägen büchern stilleben-objekten gemarterten engeln, schimpansen und was weisz ich aufgeschnittenen luchs ohren, etc., prügel und baum, na ja du weiszt ja wie alles durcheinander geht in meinem kopf dessen unruhe sich wie alphabetisierende zeichensprache manifestiert, ich meine stelle dir vor 1 gesicht mit 2 starr blickenden dunklen augen (abbildung in einer film zeitschrift) und unter den augen erscheint 1 schrift, nicht horizontal sondern vertikal, ich meine japanisches schriftbild, lauter so kleine rechenaufgaben oder alphabetmaschinen, das linke auge trägt 1 kratzspur: eingetrocknetes blut vermutlich bis zur nasenmitte, der mund mit plastikverband, 1 erregender anblick, wie, du geräderter engel, spreche ich dieses gesicht an, soll ich dieses buch enden lassen, ich schreibe schon über den rand hinaus, ich meine das kontingent ist aufgebraucht, oder die kontingenz, o prügel und baum, oder BANN, 1 bann ist über mich ausgesprochen: bis hierher und nicht weiter!,
ich schreibe längst über das blatt hinaus, über das buch über die buchseite über die bannmeile hinaus, nämlich über das blatt hinweg auf die bettlaken, bettüberzüge, kissen und nackenrollen, die leser meines buches werden so nicht mehr lesen können was ich geschrieben habe was ich über die grenzen die begrenzungen hinweg geschrieben habe, sie werden das bettlaken, die bettlakenschrift nicht entziffern können, es wird nicht zu lesen sein was auf dem laken auf dem kissen geschrieben wurde von mir, 1 schrumpf oder rumpf gedicht zuguterletzt, sage ich zu blum, kannst du dir das vorstellen, 1 fragment also 1 torso, so könnte das ende des buchs ein, 1 buchseite voller punkte...
die zusammenhänge werden nicht mehr erkennbar sein, 1 kleiner löffel 1 pyramide voller gefühle, mit verkrustetem milchrand als briefbeschwerer auf meinem art-deco-tischchen, wenn es regnet, sage ich zu blum, findet joseph vielleicht zeit, mir zu schreiben, in den laden an der strassenecke getraue ich mich nicht mehr, seit die verkäuferin mich angeblickt hat und gesagt hat und gesagt hat, SIE SIND SO BLASZ, ICH HAB IMMER ANGST SIE ANZUBLICKEN, WEIL ICH IMMER ERWARTE, DASZ SIE TOT UMFALLEN
sie sagt, DAS MACHT DIE SCHWARZE KLEIDUNG, ich gehe da nicht mehr hinein ich kann nichts für die blässe meines gesichts, sage ich zu blum, und ich kann nichts für meine schwarze kleidung, der schädel grün oder grünt, sage ich zu blum, aber das ist gottlob nicht zu erkennen, der schädel sieht aus wie 1 aprikosenblatt lichtnelke, manchmal spätnachts ist mir als hörte ich etwas wie 1 rotierenden ton, irgend eine vibration eines einzigen tones, was mein trommelfell schlimmer belastet als trompetenschall oder gebrüll, es ist nämlich ein ritzen meiner innersten haut, sage ich zu blum, ich verblute gerade, der kratzeffekt der schmerzende kratzeffekt auf der innersten haut ist es, was mich zugrunde richtet, fast jede nacht, die tosenden kanäle bei dauerregen, icht wahr die süsze der schreibfotos (was ist darunter zu verstehen?), ich sitze davor, bin ganz gebannt, sowohl im stillen, wenn ich zb sage in UNVORDENKLICHEN TAGEN : ZEITEN : JAHREN so sind vermutlich damit die kindheitstage gemeint, welche als UNDENKBAR, UNVORDENKLICH, UNVORSTELLBAR gelten mögen weil so weit entfernt, und wie abgetrennt, und -genabelt, nicht wahr und sie tragen die verblassenden farben, welche im erwachsenenalter wie sausende buchstaben sind, usw., mutters schwarzer seidengürtel, sage ich zu blum, ist gleicherweise 1 stückchen leinenband welches als klebestreifen die blätter am notizblockrand zusammenhält, und obwohl nur ihre schreib- täfelchen kalender notizheftchen erhalten sind, beherrscht mich allzeit die vorstellung ihrer asche welche in einem verschlossenen gefäsz in einer pappschachtel auf einem hocker zwischen arbeitszimmer und baderaum, chiffren und noten, sich aufhält, es beherrscht mich die vorstellung der allgegenwärtigkeit ihrer asche, als läge ihre asche hier neben mir, in einer pappschachtel zwischen den beiden zimmern, stumme hinweise, chiffren und noten, adressen, visualisierte bekenntnisse, wortlose eröffnungen, usw., etwa vaters siegelring (1 kommando) in der offenstehenden schublade, damals als stumme botschaft, er habe ihn abgestreift ehe er ins krankenhaus gebracht werden musste, während ich verreist war, oder mutters mühseliger blick zum aktenschrank, 2 oder 3 wochen vor ihrem tod, in welchem sie ihre habseligkeiten verwahrt hatte, ihr blick sagte NIMM RECHTZEITIG ALLES HERAUS BRING RECHTZEITIG ALLES IN SICHERHEIT, ihr blick währte eine halbe sekunde, aber ich hatte sie verstanden, aber ich sprach nicht zu ihr, ihr schweigender blick ihr nicht mehr sprechen koennen hatten 1 nicht mehr sprechen koennen meinerseits zur folge gehabt, so war ich selber stumm, nickte nicht einmal mit dem kopf, das muszte sie in eine vollkommene verzweiflung und vollkommene verlassenheit gestürzt haben, sage ich zu blum, im fallwinkel der rückenpolster des thonet sessels.

mit freundlicher Genehmigung der Autorin

Erstveröffentlichung , Teil 4./5.4 aus einem in Arbeit befindlichem Buch



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